Ausgabe 01 2017

Tempo „Und dann habe ich auf Brad Pitt eingedroschen“

Wann immer ein Hollywood-Blockbuster über die Kinoleinwände flimmert, ist Evangelos Grecos nicht weit. Der deutsche Stuntman, der sich schon mit so mancher Schauspielergröße Kämpfe geliefert hat, spricht im Interview über seinen rasanten Job und seinen ganz normalen Alltag.

Wann immer ein Hollywood-Blockbuster über die Kinoleinwände flimmert, ist Evangelos Grecos nicht weit. Der deutsche Stuntman, der sich schon mit so mancher Schauspielergröße Kämpfe geliefert hat, spricht im Interview über seinen rasanten Job und seinen ganz normalen Alltag.

Herr Grecos, wie ist es, aus 35 Meter Höhe ein Gebäude herunterzu­stürzen?
Das ist eine schöne Sache.

Schön?
Klar, sonst würde ich es ja nicht machen. Das war ein Stunt im Film The Marksman mit Wesley Snipes. Ich bin rückwärts heruntergestürzt. Das hat drei Sekunden gedauert, dann war es vorbei.

Sie erzählen das so, als wären Sie schnell mal einkaufen gefahren.
Stuntleute gehen mit Risikosituationen routinierter um. Oft ist es so, da bekomme ich an einem Tag einen Anruf und werde gefragt, ob ich am nächsten Tag einen Überschlag mache oder einen Höhensturz. Das ist mein Beruf, seit 20 Jahren.

Sie bereiten sich nicht vor?
Sicher doch. Sich nicht vorzubereiten, ist natürlich eine Ausnahme. Nehmen wir den Höhensturz: Vor diesem einen in The Marksman habe ich wahrscheinlich schon um die 1000 Stürze gemacht. Ich fing an mit zehn Metern, bin dann auf 15 gegangen und habe schließlich auf 20 erhöht. Von da auf 35 zu gehen, ist dann kein Problem mehr.

Und dann ist nach drei Sekunden alles vorbei?
Der Beruf des Stuntmans ist schon ziemlich zweigeteilt. Man wartet sehr lange, bereitet sich intensiv vor. Dann kommt der Stunt, alles geht sehr schnell, alles muss perfekt sein. Wir müssen im Kopf sehr schnell funktionieren und die Gefahren ausblenden.

Dabei könnte man meinen, dass es in Ihrem Job ständig knallt, dass Sie ein Leben am Limit führen. Haben wir alle ein falsches Bild vom Stuntman?
Wir gehen schon ein gewisses Risiko ein. Aber das ist überschaubar und von kurzer Dauer. Ein Autoüberschlag etwa: Man steigt ein, fährt 100 bis 150 Meter, dann geht’s über eine Rampe, Überschlag, fertig.

Würden Sie sich selbst als besonders mutig einschätzen?
Im Vergleich zu den meisten Menschen vielleicht ja. Wenn wir beide auf einen 20-Meter-Turm gehen würden, wäre es für Sie wahrscheinlich eine größere Überwindung, dort herunterzuspringen, als für mich. Richtig?

Absolut.
Sehen Sie. Es ist alles eine Sache der Gewöhnung und Erfahrung. Ich mache das als Beruf. Dementsprechend würde ich sagen, dass ich im Vergleich zu anderen Stuntmen nicht mutiger bin.

Wie oft haben Sie sich in 20 Jahren verletzt?
Gar nicht so oft. Einen Bänderriss hatte ich, einmal habe ich mir die Schulter ausgekugelt. Anscheinend habe ich mich ganz gut angestellt.

Das Zusammenspiel aus Vorsicht, Schauspiel und Stunt ist also gar nicht so schwierig?
Das kommt darauf an, wie anspruchsvoll der Regisseur ist oder auch der Stunt. Wenn dieser etwas kompliziert ist, muss man sich darauf sehr konzentrieren, man braucht ein perfektes Timing. Dann bleibt aber wenig für das Schauspielerische übrig.

Wie oft müssen Sie einen Stunt wiederholen, bis er im Kasten ist?
Es gibt Situationen, da bekommen wir es in einem Take hin.

Es können aber auch mal ...
... 29 Takes sein. Wir haben Hercules mit Dwayne „The Rock“ Johnson gedreht. Eine sehr komplexe Szene auf dem Schlachtfeld, bei der alle Hauptdarsteller involviert waren und alle sich bekämpften. Immer wieder hat etwas nicht gepasst. Also wurde immer wieder neu gedreht.

Hört sich kräftezehrend an.
Wir hatten über 30 Grad Celsius, es war sehr warm, im Kostüm sowieso. Wir mussten ständig kämpfen, irgendwann ist man dann auch erschöpft und die Konzentration lässt nach. Da war ich froh, als ich es hinter mir hatte.
Kein Vergleich aber zu James Bond 007 – Skyfall: Für die fünfminütige Auftaktszene wurde insgesamt zwei Monate lang gedreht. Das hört sich zwar viel an, ist aber eigentlich normal für einen Film dieser Größenordnung. Bei derart großen Produktionen dreht man einen Tag und hat dann trotzdem alles in einigen Sekunden im Kasten.

Ist diese Langsamkeit nicht unbe­friedigend?
Nein, weil Qualität eben dauert. Da geht es um Perfektion, in jeder einzelnen Szene.

Wie in der Auftaktsequenz von Skyfall, als Sie gegen Daniel Craig auf einem fahrenden Zug kämpften?
Die Szene war geteilt. Mein Part brauchte ein paar Tage. Ein Kollege drehte eine kompliziertere Szene, die hatten damit sicher zwei, drei Wochen zu tun. Das Interessante dabei aber ist, dass die Stars sich gern auch mal Tipps holen. Gerade wenn es kniffliger wird und es auf Details ankommt, zum Beispiel, wie man sich in einer Actionsequenz gekonnt bewegt, ohne sich in Gefahr zu bringen. Daniel Craig macht sehr viel selbst und ist auch immer sehr interessiert. Brad Pitt ebenfalls.


Haben Sie schon mal den Star des Films gedoubelt?
Ich habe leider nicht das Gesicht, um die Hauptdarsteller zu doubeln. Ich bin vielmehr oft der Widersacher, der Bösewicht.

Klingt gefährlich. Die überleben ja meist nicht im Film.
Genau, oft wird mein jeweiliger Filmcharakter erschossen. Das ist aber okay. Das Gute ist, dass ich gemeinsam mit großen Namen drehen kann, anstatt sie zu doubeln.

Sind Sie vorsichtiger, wenn Sie gegen Stars kämpfen?
Eigentlich gehe ich genauso ran wie immer: mit 100 Prozent. Weniger ist in dem Job auch nicht gut. Allerdings steigt die Nervosität auch an, wenn ich weiß, dass da auf der anderen Seite der Star des Films steht.

Zum Beispiel?
Brad Pitt. In Herz aus Stahl hatten wir eine Szene, in der wir auf einen Tankwagen stiegen und ich mit einem Gummispaten auf ihn einschlagen sollte. Da konnte ich keine halben Sachen machen. Also bin ich auf den Wagen gestiegen und habe losgelegt.

Wie hat Pitt reagiert?
Er hat erst mal große Augen bekommen. Alle waren überrascht, dass ich ihn nicht mit Samthandschuhen angepackt habe. Ich wollte dann wissen, ob bei ihm alles okay ist und ich nicht zu hart rangegangen bin. Er sagte, dass alles gut und er einfach überrascht sei. Andere Kollegen würden ängstlicher agieren.

Angst können Sie sich doch überhaupt nicht leisten.
Stimmt. Nehmen wir nur mal den Bondstreifen Ein Quantum Trost. Da waren wir in einer Verfolgungsjagd mit 140 bis 160 Stundenkilometern unterwegs. Allerdings reden wir hier auch über einen Tunnel mit Gegenverkehr und Überholvorgängen. Da war das Risiko sehr hoch, da darf man sich keine Fehler erlauben.

Lieben Sie es privat auch schnell?
Überhaupt nicht. In Alltagssituationen bin ich sogar vorsichtiger als andere Leute. Ich kann Risiken besser abschätzen, glaube ich. Das spiegelt sich auch beim Autofahren wider.

Und wenn Sie privat Filme schauen? Sind Sie dann von Stunts elektrisiert?
Ganz ehrlich? Oft denke ich: Mann, das hat sicher wehgetan.

Fotos: Nikita Teryoshin