Ausgabe 3 2015

Grenzen 17 Million Shades of Grey

Das Rentenalter stellt keine Grenze mehr dar

Mark Twain hat vor langer Zeit treffend formuliert: „Das Alter ist eine reine Willensfrage. Ist man willens, ist es keine Frage.“ Das Rentenalter stellt keine Grenze mehr dar: Die alternde Gesellschaft ist fit, gesund – und sie will noch lange nicht aufs Abstellgleis.

Hisel ist ein Ort der leisen Töne. Kindergeschrei hört man hier nie, die neuste Chartmusik dreht schon lang keiner mehr auf. Ausgelassenes Tanzen kommt nicht infrage, denn das lassen die Gelenke nicht wirklich zu. Was Hisel aber gut kann: als Paradebeispiel herhalten, wenn das Schlagwort „Demografie“ fällt. Das Dorf in Rheinland-Pfalz hat die älteste Bevölkerung in ganz Deutschland. Seine Bürger sind im Schnitt über 60 Jahre alt. Böse Zungen sagen: Wer wissen will, wie Europa in nicht allzu ferner Zukunft aussieht, der solle nach Hisel blicken.

Im Jahr 1950 lag in Europa das Medianalter noch bei 31 Jahren. 2005 hatte es 38 Jahre erreicht, und Projektionen zufolge dürfte es bis 2050 auf 48 Jahre steigen. Damit altert die Bevölkerung Europas derzeit um etwa zwei Tage pro Woche. Während im Jahr 2010 noch 17,4 Prozent der EU-Bürger über 65 Jahre alt waren, wird sich dieser Anteil bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Dieses Wachstum erklärt sich unter anderem durch die gestiegene Lebenserwartung.

Vitaler als ihre Vorgänger


Wenn Hisel in den Medien erwähnt wird, dann in einem Atemzug mit „Vergreisung“ und „Rentnerdiktatur“ – beides Begriffe eines tradierten Altersbildes. Doch diese einseitige Wahrnehmung des Alters verschiebt sich gerade. Längst wird Älterwerden nicht mehr mit einem mentalen und physiologischen Degenerationsprozess gleichgesetzt. Schuld an dem Wandel haben die „Alten“ selbst: Wer heutzutage 70 Jahre zählt, der ist so fit wie ein 60-Jähriger vor einem halben Jahrhundert.

Während die Gesellschaft strukturell altert – in Deutschland beläuft sich die Zahl der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, auf fast 17 Millionen –, hat sich die ältere Generation gleichsam verjüngt, so das Fazit der Generali Altersstudie. Das führt auch dazu, dass die Bevölkerung jenseits der Rentenaltersgrenze gesünder sowie höher gebildet ist als ihre Vorgänger und sich der Wunsch nach Weiterbeschäftigung verstärkt.

Ruheständler bereichern Unternehmen


Vom Arbeitswillen seiner Pensionäre profitiert etwa die Robert Bosch GmbH. 1999 etablierte das Unternehmen mit der Bosch Management Support GmbH ein Senior-Experten-Modell. Ziel der Initiative ist es, jahrzehntelang erworbenes Firmenwissen zu erhalten und an jüngere Mitarbeiter weiterzugeben. Was einst mit 30 ehemaligen Bosch-Mitarbeitern begann, umfasst gegenwärtig 1.600 Senior-Experten zwischen 60 und 75 Jahren. Sie übernehmen rund um den Globus Beratungs- oder Projektaufgaben – freiwillig, zeitlich begrenzt und vergütet. Dabei decken sie verschiedene Einsatzgebiete ab. Das kann beim Anlauf von Fertigungslinien im Ausland sein oder auch bei der Qualitätssicherung in einem Werk.

„Viele unserer Experten kommen auf mehr als 40 Jahre Arbeitserfahrung bei Bosch“, erläutert Robert Hanser, Geschäftsführer der Bosch Management Support GmbH. Durch pensionierte Kollegen stünden dem Unternehmen mehr als 40.000 Jahre Know-how weiterhin zur Verfügung. Die Vorteile des Senior-Experten-Modells seien offensichtlich: Die Ruheständler unterstützen die Arbeiter am Standort und bringen Expertenwissen ein. Altersgemischte Teams ermöglichen zudem das generationsübergreifende Lernen. Hanser ergänzt: „Und natürlich werden so vorübergehende
Kapazitätenprobleme verhindert.“

Modell macht Schule


Die Bosch Management Support GmbH stand Pate für viele Organisationen und Unternehmen. Immer mehr große Firmen holen pensionierte Mitarbeiter zurück. So auch die Hamburger Otto Group: Seit 2012 schließen Senioren bei kurzfristigen Engpässen von Fachkräften jene Lücken im Arbeitsprozess. Der Autobauer Daimler folgte ebenfalls dem Beispiel. 2013 richtete der Stuttgarter Dax-Konzern einen Expertenpool ein, in dem sich Rentner registrieren lassen können – mitsamt ihrer speziellen Fähigkeiten und Erfahrungen. Mehr als 500 Personen haben sich bisher im Daimler-Expertenpool eingeschrieben.

Die Initiative „Space Cowboys – Daimler Senior Experts“ Das Projekt von Daimler wurde nach einem Hollywoodfilm mit Clint Eastwood, Donald Sutherland, James Garner und Tommy Lee Jones benannt.

Zufriedenheit nach der Karriere


„Unsere Senior-Experten genießen das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden“, berichtet Robert Hansen. Die Bosch Management Support GmbH helfe den Mitarbeitern dabei, den Übergang in den Ruhestand schrittweise anzugehen. Diese Einschätzung bestätigt Ernst Gründler: „Die Arbeit bei Bosch gibt mir das Gefühl, noch gebraucht zu werden“, erklärt der 73-Jährige. Vergütung sei nicht der Ausschlag gewesen, weshalb er vor über zehn Jahren zum Senior-Experten wurde. „Die Arbeit hält mich fit“, so Ernst Gründler. Daneben gefalle ihm, dass er selbst entscheiden könne, wie viel Zeit er für ein Projekt aufwende. So bleibe ihm noch reichlich Zeit für die Enkel – oder eben für den Tagesausflug nach Hisel.

Foto: Stjepan Sedlar