Ausgabe 1 2015

Reputation „Auskunfteien sind ein Frühwarnsystem“
Frank Schlein im Interview

Ein Experteninterview mit Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer des Geschäftsbereiches Risk Management von arvato Financial Solutions, zum Thema Auskunfteien

Ein Experteninterview mit Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer des Geschäftsbereiches Risk Management von arvato Financial Solutions, zum Thema Auskunfteien

Die meisten Fachexperten sowie viele Studien verweisen auf die wichtige ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung von Auskunfteien. Welchen Nutzen liefern Auskunfteien in Ihren Augen?

Was in den Diskussionen oft vergessen wird, sind vier Dinge. Erstens: Auskunfteien treffen definitiv nicht die Entscheidung darüber, ob ein Käufer einen Vertrag, einen Kredit oder Ware vom jeweiligen Unter­nehmen bekommt. Zweitens: Auskunfteien berechnen vielmehr mithilfe von wissenschaftlich anerkannten mathematisch-statistischen Verfahren eine Prognose für die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsverhaltens und helfen so Unterneh­men dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen. Die Werte, ab denen Kredite vergeben oder Waren geliefert werden oder eben nicht, obliegen allein den Kreditgebern und Unternehmen entsprechend des jeweiligen Risikoprofils. Drittens: Die Unternehmen haben schon aus ureigensten Geschäftszwecken ein Interesse daran, möglichst viel Umsatz zu generieren und würden daher nicht ohne triftigen Grund einen Kunden ablehnen. Natürlich ist es wichtig für das Unternehmen, zwischen Umsatzgenerierung und Forderungsausfall abzuwägen. Viertens: Auskunfteien haben genau wie die Unternehmen ein starkes Interesse daran, möglichst vielen Waren- und Kreditnehmern ein Angebot zu ermöglichen. Daher fungieren sie als neutrales Frühwarnsystem in Bezug auf die Prognose des Zahlungsverhal­tens von Verbrauchern. Damit ermöglichen sie einerseits eine effiziente Risikosteuerung bei ihren Kunden und andererseits vermeiden sie damit letztlich Forderungsausfälle.

Der Gesetzgeber plant aktuell, mit der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) die rechtlichen Regelungen zur Verarbeitung personenbezogener Daten neu zu regeln. Welche Herausforderungen sehen Sie allgemein für Auskunfteien sowie speziell mit Blick auf das Thema Kreditscoring?

Die EU-Datenschutz-Grundverordnung berücksichtigt in der aktuell diskutierten Version explizit nicht die Interessen und die Funktion der Auskunfteien als Dienstleister für die Wirtschaft. Würde sie in dieser Form verabschiedet, entstünde eine erhebliche Rechtsunsicherheit. Im Wesentlichen sind auch hier wieder vier Punkte zu nennen: das Widerrufsrecht, der Einwilligungsvorbehalt, die Regelungen zur Datenweitergabe und zum Profiling, was die Existenz von Auskunfteien in Europa gefährden würde. Nach der aktuellen Rechtslage in Deutschland dürfen Auskunfteien unter Anwendung des Bundesdatenschutzgesetzes Daten verarbeiten, um einen Wahrscheinlichkeitswert für ein bestimmtes zukünftiges Zahlungsverhalten des Betroffenen zu ermitteln. Hierbei ist zwischen den schutzwürdigen Interessen des Betroffenen und denen (ebenso) schutzwürdigen Interessen Dritter, das heißt der Waren- beziehungsweise kreditgebenden Wirtschaft abzuwägen. Dieser Umstand ist heute nicht in der Verordnung berücksichtigt. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass sich dies vor einer Verabschiedung der Verordnung, die dann auch in Deutschland gelten würde, in den nächsten Monaten ändern wird.

Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht, dass trotz dieser für das Auskunfteigeschäft offensichtlich bedrohlichen Perspektiven Ihre Kunden auch in Zukunft von wirksamem Kreditscoring profitieren werden?

Ich unterstütze ausdrücklich die Intention der EU-Datenschutz-Grundverordnung, einen freien Datenverkehr zu gewährleisten und einheitliche Regelungen zum Schutz der Verbraucher im Umgang mit persönlichen Daten durch private Unternehmen innerhalb der EU zu erreichen. Aber ich sehe auch die Notwendigkeit von Auskunfteien als Frühwarnsystem für die Wirtschaft, um Unternehmen bei der ganzheitlichen Risikosteuerung zu unterstützen und um so dem zahlungsfähigen und -willigen Verbraucher die unkomplizierte Teilnahme am Wirtschaftsleben zu ermöglichen und diesen zeitgleich vor Überschuldung zu schützen. Aber mittlerweile haben wir die möglichen negativen Auswirkungen der EU-DSGVO auf Auskunfteien und letztlich auch die Wirtschaft in die politische Diskus­sion eingebracht. Ganz offensichtlich sind diese bei dem Entwurf nicht berücksichtigt oder vergessen worden. Meine Kollegen und ich führen mit den relevanten Ansprechpartnern in der Politik sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene einen offenen Dialog und stehen hier auch jederzeit unseren Kunden rund um das Thema als Ansprechpartner zur Verfügung, um den Prozess konstruktiv zu begleiten. Und ich kann sagen, dass unsere Gesprächspartner in der Politik und den Verbänden ebenfalls die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Auskunfteien erkannt haben – insbesondere auch die Notwendigkeit, dass Unternehmen in einer immer digitaler und moderner werdenden Welt mehr denn je auf relevante Informationen zur Risikosteuerung angewiesen sind.

Foto: Patrik Goethe/unsplash.com; Dr. Frank Schlein