Ausgabe 1 2014

Wandel Auslaufmodell - Der Zahlungsverkehr wandelt sich tiefgreifend

Der Zahlungsverkehr wandelt sich tiefgreifend. Die Tage des Bargelds scheinen gezählt, während neue Technologien schnellere, einfachere und sicherere Zahlungsmöglichkeiten bieten. Bei der Vielfalt an Neuentwicklungen stellt sich die Frage: Welche setzt sich durch?

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Der Zahlungsverkehr wandelt sich tiefgreifend. Die Tage des Bargelds scheinen gezählt, während neue Technologien schnellere, einfachere und sicherere Zahlungsmöglichkeiten bieten. Bei der Vielfalt an Neuentwicklungen stellt sich die Frage: Welche setzt sich durch?

Nur Bares ist Wahres“ war gestern. Plastikgeld, Bezahl-Apps und Internetlösungen verändern unsere Zahlungsgewohnheiten – ganz gleich, ob man Lebensmittel oder Luxusgüter kauft. Angesichts der technologischen Entwicklung kann man davon ausgehen, dass Bezahlvorgänge in Zukunft völlig anders ablaufen als früher. Doch welche Methoden und Systeme sich durchsetzen, wird auch von der Kultur abhängen.

Dass die Verbraucher immer weniger bar bezahlen, lässt sich an harten Zahlen ablesen: Die britische Bank Halifax hat in einer aktuellen Untersuchung herausgefunden, dass ihre Kunden nur noch 17,99 Prozent ihrer Ausgaben bar abwickeln. Das sind 3,03 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Schweden haben sich schon fast ganz vom Bargeld verabschiedet: Mit Scheinen und Münzen wird nur 2,7 Prozent des schwedischen Wirtschaftsverkehrs erledigt (im Euroraum sind es 9,8 Prozent). Sogar die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen haben Kartenlesegeräte dabei.

Der Verzicht auf Bargeld ist verständlich. Alles mit einer Karte oder einem Handy zu bezahlen, ist deutlich bequemer: Wenn alle Ausgaben zentral verwaltet werden, entfällt nicht nur die Suche nach einem Geldautomaten, auch das Haushalten ist leichter. Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass die Kriminalität sinkt, wenn die Menschen weniger Bargeld mit sich herumtragen. Das US-Wirtschaftsforschungsinstitut National Bureau of Economic Research hat herausgefunden, dass im US-Bundesstaat Missouri die Gesamtkriminalitätsrate um 9,8 Prozent gesunken ist, seit staatliche Unterstützungsleistungen nicht mehr bar, sondern elektronisch ausbezahlt werden.

Trotz des deutlichen Trends weg vom Bargeld ist aber noch unklar, welche Zahlungsmethode künftig dominieren wird. Plastikgeld in Form von Kredit- und Debitkarten gibt es seit über 60 Jahren, aber im Vergleich zu den jüngsten Innovationen erscheinen diese Zahlungsarten beinahe mühsam. Das liegt zum Teil am wachsenden Anteil des Onlinehandels. Nach Zahlen des Marktforschers eMarketer werden die Verbraucher 2017 weltweit mehr als 2000 Milliarden US-Dollar pro Jahr online ausgeben. Bei Kartenzahlung müssen die Konsumenten ihre Kredit- oder EC-Karte herauskramen und Nummer, Ablaufdatum und Sicherheitscode eingeben. Das ist auf einem Smartphone manchmal gar nicht so einfach.

Deshalb wurde inzwischen eine Reihe von einfachen Bezahlmethoden entwickelt. Manche eignen sich auch für Einkäufe in Geschäften: Bei Internetbezahldiensten wie PayPal brauchen registrierte Nutzer fürZahlungen nur Benutzername und Kennwort. Mobile Payment-Plattformen ermöglichen Zah­lungen und Überweisungen über Mobilfunkgeräte, das heißt, es wird zum Beispiel das Handy über einen Scanner gehalten oder der Kunde gibt seine Handynummer und ein Kennwort ein. In digitalen Portemonnaies, den sogenannten Mobile Wallets, können Konsumenten neben Zahlungskarten auch Tickets und Fahrkarten verwahren.

Die Zahlungsmethoden der nächsten Generation sind aber nicht notgedrungen auf Computer, Tablet oder Handy angewiesen. Mit dem ultimativen Bedienkomfort im Sinn arbeiten Entwickler derzeit fieberhaft an Wearable Technology, das heißt an elektronischen Geräten, die man am Körper trägt. Das können Armbänder, Uhren oder auch Schmuck sein. PayPal brachte zum Beispiel im Juni eine App für Android-Wear-Smartwatches auf den Markt. Diese und Ähnliches könnten die zukünftigen Zahlgeräte sein.

Aufsteiger

PayPal

Bekannt geworden ist der Bezahldienst über Onlineeinkäufe, er bietet aber auch eine Mobilfunk-App an, mit der die Nutzer in teilnehmenden Läden und Restaurants bezahlen und Geld an Freunde überweisen können.
https://www.paypal.com/

SEQR

Die SeQRPay-App des schwedischen Anbieters Seamless ermöglicht mit QR-Codes und Near Field Communication mobilfunkgestützte Einkäufe im Internet und in Ladengeschäften und ist mit mehr als 3,1 Milliarden Transaktionen pro Jahr das meistgenutzte Mobile Wallet in Europa.
https://www.seqr.com/int/

Passbook

Apples Mobile Wallet speichert Tickets, Bordkarten, Kundenkarten und Zahlungskarten und stellt sie bequem und flexibel zur Verfügung.
http://www.passworks.io

Lassen Sie Ihr Bargeld zu Hause

Mobilfunkplattformen dürften angesichts der enormen Verbreitung von Handys bei künftigen Entwicklungen eine zentrale Rolle spielen. 2014 werden nach Zahlen von eMarketer weltweit 4,55 Milliarden Menschen ein Handy benutzen. Darauf einzugehen ist naheliegend, sind doch die meisten von uns nie mehr als ein, zwei Meter vom geliebten Handy entfernt.

Trotz der klaren Vorteile gibt es in diesem Bereich mehr Fehlstarts als bei einem olympischen 100-Meter-Lauf. Dienste wie Square Wallet mussten ihre ehrgeizigen Pläne aufgeben, weil der Markt mit Problemen wie Sicherheit, Benutzerfreundlichkeit und Technologieverfügbarkeit hadert. Das ist aber nicht in allen Ländern so. In Schweden gibt es inzwischen viele mobile Payment-Anbieter, zum Beispiel iZettle, Seamless und WyWallet.

Unternehmen, die auf anderen Märkten Fuß fassen möchten, sollten sich den kulturellen Hintergrund und die Art der jeweiligen Angebote ansehen. Die Schweden fühlen sich wohl im Internet. 94 Prozent der Bevölkerung hat Internetzugang. Das macht den Übergang zu mobilfunkbasierten Zahlungen deutlich leichter. WyWallet und Seamless zeigen, wie man Fallstricke umgeht. WyWallet wurde 2013 von den vier führenden schwedischen Mobilfunkbetreibern gegründet und erreichte somit von Anfang an 97 Prozent der Schweden. Seamless hat auch das Problem der Technologieverfügbarkeit gelöst. Während andere mobilfunkbasierte Zahlungsplattformen über die Wahl des richtigen Standards gestolpert sind, nutzt Seamless für mobile Zahlungen sowohl einen QR-Code-Scanner als auch Near Field Communication (NFC).

Mobile Payment-Plattformen werden nicht nur in den Industrieländern die nächste Konsumrevolution sein. Sie bieten ideale Voraussetzungen, dass auch die Verbraucher in Entwicklungsländern von Anfang an mit dabei sind. Afrika ist ein gutes Beispiel dafür. Dort revolutioniert der handybasierte Überweisungsdienst M-Pesa derzeit den Zahlungsverkehr. Das M steht für mobilfunkbasiert, Pesa ist Swahili für Geld. Vodafone startete den Dienst 2007 über die Mobilfunktochter Safaricom in Kenia, nachdem Marktforscher herausgefunden hatten, dass die Menschen ihr Handyguthaben als Währung verwendeten. Inzwischen gibt es M-Pesa in vielen afrikanischen Ländern, unter anderem in Tansania und Mosambik, außerdem in Indien und seit diesem Jahr auch in Rumänien. Kunden können mit dem Dienst über das Handy Geld überweisen und empfangen, Rechnungen bezahlen und natürlich Handyguthaben kaufen – für eine kleine Gebühr pro Transaktion. Und weil sie nur zu einem Handyladen gehen müssen, um Bargeld einzuzahlen oder abzuheben, brauchen sie kein Bankkonto.

Ein weiterer Bereich, der unsere Zahlungsgewohnheiten verändern könnte, sind Mikrozahlungen. Ursprünglich wurden Zahlungssysteme für Kleinbeträge im Hinblick auf Onlineinhalte entwickelt. Zeitungen und Magazine suchten nach Bezahlmodellen für digitalen Content und wollten auch einzelne Beiträge für ein paar Cent verkaufen können. Da bei den traditionellen Zahlungsmethoden schon die Fixgebühren deutlich höher sind, musste ein neues Verfahren her, und so wurden Systeme für Mikrozahlungen entwickelt. Sie eignen sich aber natürlich auch für alle anderen preisgünstigen Artikel. PayPal bietet seinen Mikrozahlungsdienst in Großbritannien allen Unternehmen an, die Bedarf an Onlinezahlungen unter fünf britischen Pfund haben. Die Gebühr beträgt fünf Prozent plus fünf Pence je Transaktion. PayPal hat für den Kleinbetragssektor die Gebühren gesenkt; normalerweise berechnet der Dienst in Großbritannien 3,4 Prozent plus 20 Pence pro Transaktion. Es gibt aber auch andere Modelle. M-Coin und Zong haben handybasierte Mikrozahlungssysteme entwickelt. Hier werden die Zahlungen entweder sofort vom Prepaidguthaben abgezogen oder bei Vertragskunden auf die nächste Rechnung gesetzt.

Absteiger

Square Wallet

Dieses 2011 eingeführte Mobile Wallet wurde 2014 aus den App-Stores genommen und durch Square Order ersetzt, eine App, mit der Nutzer in örtlichen Geschäften und Restaurants bestellen können.

Bart

Die Swedbank stellte ihr Mobile-Payment-System Bart im Januar 2014 wegen mangelnder Kundennachfrage ein.

Hürden für Bezahldienste

Doch auch wenn in einigen Ländern neue Zahlungsmethoden inzwischen erfolgreich etabliert wurden, mussten die Innovatoren oft eine Reihe von Hürden überwinden. Die Wahl der Technologie ist eine davon. Bevor sich Standards herausbilden, sind meist mehrere konkurrierende Technologien auf dem Markt. Bei der Frage, welche davon am ehesten eine Zukunft hat, müssen die Nutzer oft pokern. Bei den Zahlungslösungen ist NFC ein gutes Beispiel. Die Technologie ist zwar auf immer mehr Android-Handys verfügbar, auf dem iPhone von Ap­ple aber noch nicht. Gerüchten zufolge soll sich das mit dem iPhone 6 ändern. Das wird es den Zahlungsplattformen leichter machen, mit NFC-Technologie ihr Geschäft auszubauen. Es ist ein ähnlicher Kampf wie damals zwischen den Videostandards VHS und Betamax.

In Deutschland drängen sich auf dem Markt für Mobile Wallets mehr als 25 Unternehmen. Der Sektor bietet aber nur Platz für ein paar wenige. Deshalb könnte es sein, dass Händler und Verbraucher lieber abwarten und erst dann auf mobilfunkbasierte Zahlungen umsteigen, wenn klar ist, welche Technologien sich durchsetzen.

Die Sicherheit ist ein weiteres Problem. Banken und Aufsichtsbehörden machen Sicherheitsbedenken und Geldwäschepotenzial dafür verantwortlich, dass mobile Payment-Systeme nicht so recht in Gang kommen. Manche Länder haben solche Zahlungssysteme sogar ganz gestoppt. Die chinesische Zentralbank hat Zahlungen über Mobilfunkgeräte bis auf Weiteres verboten und den Schritt mit Bedenken zur Sicherheit der Nutzerdaten begründet. Das war für die auf dem chinesischen Markt vertretenen Unternehmen zwar keine gute Nachricht, aber da der Online- und mobile Payment-Markt bereits weit entwickelt ist, gehen die meisten davon aus, dass das Verbot nicht von Dauer ist.

Die Anbieter von Zahlungsplattformen müssen ihre Nutzer – sowohl die Einzelhändler als auch die Verbraucher – davon überzeugen, dass Veränderungen gut sind. Aber auch hier gibt es Stolpersteine. Die Händler schauen auf die Kosten: Sind die Gebühren zu hoch, stimmen sie mit den Füßen ab. American Express kann das bezeugen. Der Kreditkartenanbieter verlangt überdurchschnittlich hohe Gebühren, deshalb werden die Karten bei einigen Händlern nicht akzeptiert. Und da manche Zahlungsplattformen Hardware oder QR-Codes erfordern, scheuen die Händler nicht nur die zusätzlichen Kosten, sondern auch das Risiko, sich womöglich für das Betamax der Zahlungsverkehrsbranche zu entscheiden.

Sicher wird sich auch die Gesellschaft verändern, wenn Verbraucher immer mehr mobilfunkbasiert zahlen. Dass Menschen mit einer Kreditkarte mehr ausgeben, als wenn sie bar zahlen, kann laut einer Studie für die American Psychological Association auf die „zeitliche Trennung zwischen Kauf und Zahlung“ zurückgeführt werden. Diese Trennung, die auch auf alle neuen Zahlungsmethoden zutrifft, dämpfe den Schmerz des Geldausgebens, heißt es in der Studie.

Die Entwicklung zu einer bargeldlosen Gesellschaft dürfte mit allerhand Schwierigkeiten verbunden sein, wobei die Problembereiche von der Technologie bis hin zum menschlichen Verhalten reichen. Angesichts des Komforts, den bargeldlose Zahlungen mit sich bringen, ist es aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis unsere Münzen und Geldscheine Museumsstücke sind.

Experteninterview - Jeder zahlt anders

Wie bezahlen Ihre Kunden?
Unsere Kunden favorisieren unterschiedliche Zahlungsmethoden, daher bieten wir eine breite Palette an Möglichkeiten an. Dazu gehören Rechnungskauf, Revolving Credit, Lastschriftverfahren, Kredit- und Debitkarten, PayPal und Nachnahme. Wir orientieren uns immer daran, was unsere Kunden wünschen, und prüfen über Umfragen regelmäßig, wie sich die Einkaufsgewohnheiten und Bedürfnisse verändern.

Welche Trends beobachten Sie?
Komfort und Sicherheit sind wichtig für unsere Kunden. In vielen Ländern ist der Revolving Credit beliebt, unsere Rahmenkreditvariante, bei der die Kunden vielerorts nur ihre Sozialversicherungsnummer angeben müssen. Außerdem nutzen immer mehr Kunden PayPal. Der Dienst wurde in dieser Region erst später eingeführt, daher wird es noch einige Zeit dauern, bis sich die Kunden daran gewöhnt haben. Nachnahme wird hingegen immer seltener gewählt, und ich vermute, dass diese Variante in den kommenden Jahren ganz verschwindet. Welche Zahlungsmethode am beliebtesten ist, hängt auch vom Land ab. Die Finnen bezahlen zum Beispiel gern per Banküberweisung. Diese Variante wird bei rund 40 Prozent aller Onlineeinkäufe gewählt.

Bieten Sie mobilfunkbasierte Zahlungsmethoden an?
Noch nicht, denn die derzeit verfügbaren Modelle bieten unseren Kunden keinen großen Mehrwert. Sie sind weder schneller noch sicherer oder leichter als die bestehenden Zahlungsmethoden. In vielen Fällen müssen die Kunden erst eine Zahlungs- App oder -Website aufrufen, das kostet Zeit und zusätzliche Klicks. Einige der mobilen Payment-Systeme verwenden QR-Codes, aber nicht jeder hat eine App zum Einlesen der Codes, also müssen die Kunden sie erst herunterladen, bevor sie das System nutzen können. Das sind einfach zu viele Schritte. Mag sein, dass es bei Einkäufen in Geschäften funktioniert, aber im Onlinehandel ist es bislang noch zu umständlich.

Könnte sich das künftig ändern?
Mit Sicherheit. Mobilfunkbasierte Zahlungen bieten im Onlinehandel einen Riesenvorteil. Unser Portemonnaie lassen wir in einem anderen Zimmer liegen, aber das Handy ist selten mehr als zwei Meter entfernt. Seit 2009 besuchen immer mehr Kunden unsere Website über Mobilfunkgeräte, und während anfangs die meisten von ihnen nur schauten, sind es heute immer mehr, die auch darüber kaufen. Irgendeine Form der mobilfunkgestützten Zahlung ist der logische nächste Schritt.

Was könnte die nötige Veränderung bringen?
Ich vermute, wenn ein Unternehmen wie Apple die NFC-Technologie in sein iPhone aufnimmt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein schickes mobiles Payment-System entwickelt wird. Außerdem bin ich auf die allgemeine Entwicklung gespannt, jetzt wo Apple die Touch ID für Drittentwickler öffnet. Das könnte den Fortschritt erheblich beschleunigen. Impulse könnten auch vom Mikrozahlungsmarkt kommen. Der ist zwar für unser Geschäft nicht wirklich relevant, aber dort hat sich eine schnellere und einfachere Zahlungsmethode entwickelt, deshalb behalten wir es im Auge. Bei größeren Beträgen ergeben sich vermutlich mehr Sicherheitsprobleme, aber es wäre toll, wenn es für unseren Markt ein ähnlich komfortables System gäbe.

Mark Wagner

Die Bebilderung dieses Beitrags zeigt Werke von Mark Wagner. Für ihn ist Geld nur ein Werkstoff – ein Stück Papier, das er auseinandernimmt und zu Neuem zusammensetzt. In diesem Video sehen Sie wie Mark Wagner arbeitet. Mehr unter: http://markwagnerinc.com/

Quellen Infografiken von oben: Halifax, Economist, Statista
Illustration: Conrad Wegener