Ausgabe 02 2016

Provokation The Black List

Zensur: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Zensur: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Nackt in der Kapelle

„Das Jüngste Gericht“ (1536–1541), eines von Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle, wurde während der Entstehung als schändlich kritisiert, weil es an so einem heiligen Ort nackte Menschen mit unbedeckten Genitalien abbildete. Als der päpstliche Zeremonienmeister Biagio da Cesena diese Ungehörigkeit monierte, malte Michelangelo den Kritiker mit ins Bild – als Minos, den Richter der Toten in der Unterwelt, mit Eselsohren und einer Schlange, die ihn in sein Geschlechtsteil beißt. Danach wurde eine Zensurinitiative mit dem Titel „Feigenblattkampagne“ organisiert, die das Fresko entfernen lassen wollte, noch bevor es fertig war. So weit kam es nicht, aber nach Michelangelos Tod 1564 wurde Daniele da Volterra, einer seiner Schüler, beauftragt, Tücher über die Genitalien zu malen.

Musik des Teufels

Der Tritonus (übermäßige Quarte/verminderte Quinte), gelegentlich auch als Teufelsintervall bezeichnet, war in Europa vom Mittelalter bis zum Ende der Renaissance verboten. Das Intervall beschwöre den Teufel herauf, hieß es. Diese Assoziation mit dem Diabolischen machten sich Komponisten der Romantik und Moderne zunutze, um einen schaurigen oder düsteren Effekt zu erzeugen. Richard Wagner schuf in seiner Oper „Götterdämmerung“ (1848–1874) mit dem Tritonus eine extrem dramatische, schaurige und böse Szene. Heute findet sich das dissonant klingende Intervall in Heavy-Metal-Songs wie von Black Sabbath in den 70er-Jahren; auch dort soll es eine unangenehme und angespannte Stimmung erzeugen.

Königliche Blasphemie

Thailand hat den Film „Der König und ich“ aus dem Jahr 1956 und das Remake von 1999 verboten. Die Filme seien historisch nicht korrekt und daher respektlos gegenüber König Mongkut (1851–1868 auf dem Thron) und der königlichen Familie, so die Begründung. Die Beziehung zwischen Anna und dem König sei zu eng dargestellt, und der auf Elefanten reitende König sehe aus wie ein Cowboy, lauten zwei der konkreten Begründungen für das Verbot. Die Zensurbehörde teilte mit, bis auf 20 Minuten sei der gesamte Film eine Verhöhnung der hochgeschätzten Monarchie des Landes, und es gebe sogar ein Gesetz gegen derartige Respektlosigkeiten gegen das Königshaus, die mit Gefängnisstrafen von sieben bis 15 Jahren geahndet werden.

Verbotene Spiele?

Ubisoft brachte 2014 ein neues South-Park-Videospiel mit dem Titel „Der Stab der Wahrheit“ auf den Markt, das in einer Reihe von Ländern zensiert wurde. Sieben Szenen mit anstößigen und kontroversen interaktiven Inhalten wurden in Europa, im Nahen Osten und in Afrika in den PS3- und Xbox-360-Versionen und in Australien, Deutschland, Österreich, Singapur, Hongkong und Taiwan in allen Versionen zensiert. An den geschnittenen Stellen sehen die Spieler eine weinende Statue als Standbild und eine lustig, aber eindeutig formulierte Beschreibung dessen, was sie in dieser Szene gerade verpassen. Die deutsche Fassung ist aufgrund von Inhalten mit Nazi- und Hitlerbezug sogar noch stärker gekürzt. Nordamerika ist der einzige Kontinent, auf dem eine vollständig unzensierte Version erhältlich ist. Für 2016 ist eine Fortsetzung mit dem Titel „The Fractured but Whole“ im Gespräch. Das neue Spiel wird von Ubisoft San Francisco statt von Obsidian Entertainment entwickelt, darüber hinaus gibt es derzeit aber noch keine Informationen.