Ausgabe 2 2014

Loyalität Das Problem
mit den Fans

Fußballfans sind an Treue kaum zu überbieten, aber ihre Hingabe wird nicht immer erwidert. pay spricht mit Michael Brunskill vom Fanverband Football Supporters’ Federation über Fanprobleme im britischen Fußball.

Fußballfans sind an Treue kaum zu überbieten, aber ihre Hingabe wird nicht immer erwidert. pay spricht mit Michael Brunskill vom Fanverband Football Supporters’ Federation über Fanprobleme im britischen Fußball.

Erzählen Sie uns ein bisschen über die Football Supporters’ Federation (FSF).
Wir sind ein Fanverband in England und Wales, und wir kümmern uns im Rahmen von Initiativen um Fananliegen wie niedrigere Eintrittspreise und sichere Stehplätze. In den oberen beiden britischen Profiligen sind in den Stadien ausschließlich Sitzplätze erlaubt. Mit unserer drittgrößten Kampagne unter dem Titel „Fußballschauen ist kein Verbrechen“ wollen wir der Öffentlichkeit klarmachen, dass nicht alle Fans Hooligans sind. Die Initiative fungiert aber auch als Anlaufstelle für Fans, die sich über einen Verein oder über Polizei und Sicherheitskräfte beschweren möchten.

Wie viele Fans sind im FSF organisiert?
Wir haben rund 500.000 eingetragene Mitglieder und angeschlossene Mitglieder anderer Verbände. Viele stoßen erst auf uns, wenn sie uns brauchen, deshalb sind unsere Türen auch für Nichtmitglieder offen.

Mit welcher Art von Anliegen kommen die Fans zu Ihnen?
Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Manche haben kleinere Probleme wie Kundenbeschwerden, bei denen wir eine informelle Beratung anbieten. Aber wir betreuen auch Fälle, in denen Fans ernste Schwierigkeiten haben, zum Beispiel mit der Polizei oder mit Ordnern und Sicherheitskräften in den Stadien. Manchmal sind das Fans, die des Stadions verwiesen wurden, weil sie angeblich eine Leuchtfackel geworfen haben, die aber sagen, sie seien es nicht gewesen, und Hilfe brauchen, ihre Unschuld zu beweisen. Außerdem kümmern wir uns um Stadionverbote, die manchmal etwas vorschnell ausgesprochen werden oder in extremen Fällen sogar dazu führen, dass der Reisepass eingezogen wird. Manche verdienen es, ausgesperrt zu werden, aber nicht alle.

Kümmern Sie sich auch um weitreichendere Probleme?
Ja. Leider stecken manchmal auch ganze Fangruppen in der Klemme. Wir setzen uns mit Initiativen zum Beispiel gegen die sogenannte Section 27 ein, ein Gesetz, das der Polizei das Recht gibt, Personen abzuführen, die ein Risiko für die öffentliche Ordnung darstellen. Das geschieht manchmal auch rechtswidrig, und wir haben in der Vergangenheit schon Schadenersatz für Fans erstritten. Außerdem fechten wir sogenannte Bubble Matches an. So werden in England und Wales Fußballspiele bezeichnet, bei denen die Vereine und die Polizei strenge Reisebeschränkungen verhängen: Wer zum Spiel will, muss die vom Club organisierten Transportmittel nutzen. Diese Maßnahme halten wir für überzogen.

Sind viele der Fans, die zu Ihnen kommen, unfair behandelt worden?
Häufig geht es um Kleinigkeiten mit schweren Folgen. Angenommen, Sie sind das erste Mal im Stadion, kennen sich mit all den Regeln nicht so gut aus und kaufen ein Bier. Sobald Sie mit dem Bier in der Hand in Sichtweite des Spielfelds kommen, haben Sie gegen das Gesetz verstoßen und können festgenommen werden.

Warum werden kleinere Verstöße so hart bestraft?
In den 70er- und 80er-Jahren gab es ein ernstes Hooligan-Problem – nicht nur in England, sondern in ganz Europa. Damals griff der Staat hart durch, und seitdem wird die Fußballwelt durch viele Gesetze reglementiert, die es in anderen Bereichen nicht gibt.

Die Katastrophe von Hillsborough ereignete sich auch in den 80er-Jahren. Sind auch davon heute noch Auswirkungen zu spüren?
In Hillsborough starben damals 96 Fans. Das lag aber nicht daran, dass es Stehplätze gab. Schuld waren die Zäune, schlechte Polizeiarbeit und das veraltete Stadion. Trotzdem reagierte die Regierung mit einem Stehplatzverbot für die oberen beiden Profiligen des britischen Fußballs.

Würden Sie das gern ändern?
Ja. Wir setzen uns dafür ein, dass in allen Stadien sichere Stehplätze eingerichtet werden. 90 Prozent der Fans hätten das gern. Die Menschen stehen trotzdem, daher ist es lächerlich, so zu tun, als sei das kein Problem. Es ist besser, sichere und gut überwachte Stehplätze einzurichten. Im Rugby ist Stehen erlaubt. Das zeigt, wie uneinheitlich die britische Gesetzgebung ist.

Haben Sie mit Ihrer Initiative Erfolg?
Die Sicherheitsdebatte haben wir, denke ich, gewonnen. Jetzt muss die Premier League sich offen für Stehplätze aussprechen. Wir arbeiten eifrig daran, die Liga dafür zu gewinnen. Leider wollen die Vereine eine Erfolgsgarantie, bevor sie etwas öffentlich unterstützen.

Haben Sie auch mit anderen Premier-League-Problemen zu tun?
Unser größtes Thema sind momentan die Eintrittspreise.

Warum sind die Preise so hoch?
Weil die Vereine damit durchkommen. Sie gehören oft reichen Privatpersonen, die nur nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage handeln. Sie glauben, solange die Fans kommen, können sie die Preise auch weiter erhöhen. Das ist eine sehr einseitige Sicht der Dinge. Die Fans sorgen dafür, dass im Stadion die richtige Atmosphäre aufkommt. Sie sollten von den Vereinen nicht als etwas angesehen werden, das man auspressen kann, sondern als integraler Bestandteil des Produkts, das sie weltweit verkaufen, zum Beispiel über TV-Verträge.

Ein weitverbreiteter Mythos besagt, dass die Preise erhöht wurden, um die Hooligans fernzuhalten. Ist da etwas dran?
Hooligans sind kein Phänomen der Arbeiterklasse. Sie rekrutieren sich aus allen sozialen Schichten. Und es ist auch kein rein englisches Problem.

Die Deutschen haben zum Beispiel Probleme mit Pyrotechnik.
Das macht sich auch hier allmählich breit. Pyrotechnik ist noch nicht so weitverbreitet wie in Deutschland, aber es gibt sie. Ich glaube nicht, dass Hooligan-Absichten dahinterstecken. Die Fans bringen diese Feuerwerkskörper mit, um die Atmosphäre zu verbessern, und es ist auch ein antiautoritäres Element damit verbunden. Was diese Fans aber nicht verstehen, sind die Gefahren und die Gesetze. In Großbritannien kommt man dafür ins Gefängnis.

Was zieht diese Fans an? Ist es eine Frage der Menge?
Es ist keine Frage der Anzahl. Einige der lautesten Clubs, bei denen am ehesten Pyrotechnik eingesetzt wird, haben nicht unbedingt die meisten Zuschauer. Häufig ist ausschlaggebend, welche Beziehung die Fans zu ihrem Verein haben und wie sehr sie Leuchtfeuer und Ähnliches als Teil der Clubidentität betrachten. Sie sehen es in gewisser Weise als Teil des Spektakels. Die Menschen gehen ins Stadion, um Dampf abzulassen und sich so zu verhalten, wie sie es normalerweise in der Gesellschaft nicht tun würden. Das heißt nicht, dass wir das gutheißen. Feuerwerkskörper im Stadion sind gesetzeswidrig und können das Spielerlebnis trüben. Viele Menschen haben Angst vor Leuchtfackeln, die bis zu 1600 Grad Celsius heiß werden können, und Rauchbomben, die den Blick aufs Spielfeld vernebeln und den Fans das Atmen schwer machen. Das kann Fans sogar davon abhalten, ins Stadion zu gehen, vor allem solche mit Kindern. Das ist in unseren Augen nicht richtig.

Wir haben viel über FanProbleme gesprochen. Gibt es auch Beispiele für gutes FanManagement?
Jede Menge. Eine positive Entwicklung sind zum Beispiel die Fanbeauftragten. Die UEFA schreibt für ihre Turniere vor, dass die teilnehmenden Vereine eine Anlaufstelle für die Fans einrichten müssen. In Großbritannien wurden die Fanbeauftragten in der gesamten Liga eingeführt.
Ein gutes Beispiel für einen Fanbeauftragten ist Anthony Emmerson, der für den Middlesbrough Football Club gearbeitet hat. Der Verein ist in ein neues Stadion umgezogen, und Emmerson erkannte, dass die Fanblocks willkürlich angeordnet wurden. Daraufhin markierte er ganz klar, welche Bereiche vorwiegend – nicht zwingend – für die unterschiedlichen Gruppen vorgesehen sind. Dabei wurde zum Beispiel zwischen Fans, die stehen und Banner mitbringen, Familien und Fans, die nicht die ganze Zeit stehen können oder wollen, unterschieden. Jetzt können alle Anhänger das Spiel so genießen, wie es zu ihnen passt – und es wird vermieden, dass Fanblocks aufeinanderprallen.

Eine letzte Frage: Welchen Verein unterstützen Sie?
Ich komme aus dem Nordosten Englands und bin Sunderland-Fan. Die spielen momentan in der Premier League. Letzte Saison hatten wir Glück, denn da wären wir fast abgestiegen. Wir haben es aber ins Finale des Ligapokals (Capital One Cup) geschafft, wurden dort allerdings von Manchester City geschlagen, die ein, zwei Spieler haben, die ein bisschen besser sind als unsere.

Die gelbe Wand

Die Südtribüne im Dortmunder Signal Iduna Park ist eine reine Stehplatztribüne und bietet 25.000 Zuschauern platz. Damit ist sie die größte Stehplatztribüne in Europa. Während der Bundesligasaison baut sich dort regelmäßig die "gelbe Wand" auf, die aus den treuesten BVB-Fans besteht.
Foto: Reinaldo Coddou H. (www.coddou.com)

Fotos: Aubrey Wade