Ausgabe 3 2015

Grenzen An der Grenze zum Wahnsinn

Beim Ausdauersport geht es darum, Grenzen zu überwinden, erzählt Dean Karnazes.

Beim Ausdauersport geht es darum, Grenzen zu überwinden. Dean Karnazes ist auf jedem Kontinent der Erde gelaufen, hat in 50 Tagen 50 Marathons in den 50 US-Staaten absolviert und ist 563 Kilometer in 80 Stunden und 44 Minuten gelaufen – ohne zu schlafen. pay hat den 53-Jährigen unterwegs kurz abgepasst und einen Blick in sein Leben erhascht.

Wo haben wir Sie erwischt?
In San Francisco auf dem Weg zum Flughafen. Ich fliege zu einem Lauf nach Kanada. In gewisser Weise ist mein ganzes Leben ein Rennen.

Wie viel sind Sie heute schon gelaufen?
Heute war es nur eine kurze Runde, an die 16 Kilometer. Ich bin vor zwei Tagen die Santa Barbara 100 gelaufen, ein mörderisches 100-Meilen-Rennen (161 Kilometer); deshalb lasse ich es jetzt ein wenig schleifen, um mich zu erholen.

Nach einem Lauf: Bad oder Dusche?
Eisbad. Je kälter, desto besser.

Sie werden bestimmt oft gefragt, ob Sie verrückt sind. Drehen wir das mal um: Halten Sie uns andere für verrückt, weil wir es uns im Leben so bequem machen?
Bequemlichkeit wird überbewertet. Ich glaube, es war Dostojewski, der gesagt hat: „Leiden ist die einzige Quelle von Bewusstsein.“ Ein bequemes Leben ist eine taube Existenz; wenn mir alles wehtut, ich die Zähne zusammenbeißen muss, um eine unvorstellbare Herausforderung zu meistern, und es dann auch schaffe, fühle ich mich so lebendig wie nie.

Wann haben Sie mit dem Dauerlauf angefangen?
Schon als Sechsjähriger bin ich vom Kindergarten nach Hause gejoggt. Ich bin gelaufen, bis ich in die Highschool kam. Da mochte ich den Trainer nicht und habe das Laufen völlig aufgegeben. Danach folgten College, Graduate School und Business School. Ich sicherte mir einen tollen Job in einem großen Unternehmen in San Francisco, aber hasste mein Leben. Es erfüllte mich nicht, und ich war auch nicht besonders gut in Form.
Am Abend meines 30. Geburtstags war ich mit Freunden unterwegs und habe getan was man eben so tut – sich betrinken –, als ich plötzlich den Drang verspürte zu gehen. „Was?“, fragten die anderen. „Es ist doch erst elf. Komm, wir bestellen noch eine Runde Tequila.“ Aber ich ging raus auf die Straße und lief für jedes Lebensjahr, das hinter mir lag, eine Meile. Ich bin die ganze Nacht durchgelaufen, und es hat mich fast umgebracht, aber ich habe es durchgezogen. Es fühlte sich richtig an – trotz der Schmerzen und Blasen. Dieser Lauf hat mein Leben verändert. Und das habe ich alles billigem Tequila zu verdanken.

Eine harte Lektion. Aber Ihnen gefällt das vermutlich auch, oder?
Auf jeden Fall. Ich kann mich glücklich schätzen, auf allen sieben Kontinenten schon zweimal gelaufen zu sein und Rennen absolviert zu haben. Und ich bin in den entlegensten und extremsten Gegenden der Erde gelaufen, zum Beispiel in der Atacamawüste und der Sahara, in Namibia, im Tal des Todes, am Südpol, im australischen Outback und in den kanadischen Rocky Mountains.

Haben Sie ein Motto?
Laufe, wenn du kannst; gehe, wenn du musst; krieche notfalls, aber gib niemals auf! Der beste Rat, den ich je bekommen habe, stammt von meinem Vater, der gesagt hat: „Es kommt nicht darauf an, wie oft du im Leben zu Boden gehst, wichtig ist, wie oft du wieder aufstehst.“

Sie lassen sich also von Fehlschlägen nicht entmutigen?
Ich mag Fehlschläge und nehme sie gern an. Von meinen Fehlschlägen habe ich viel mehr gelernt als von meinen Erfolgen. Fehlschläge motivieren mich, mich beim nächsten Mal noch mehr anzustrengen. Viele Menschen haben Angst zu scheitern und versuchen es deshalb gar nicht erst. Erst wenn Sie scheitern, wissen Sie, wie weit Sie gehen können.

Und wo sind Ihre Grenzen?
Ich habe im Lauf der Jahre gelernt, dass wir die meisten und die größten Beschränkungen in uns tragen. Sie sind immer besser, als Sie glauben, und Sie können weiter gehen, als Sie denken. Beim Dauerlauf werden Sie mit sich selbst konfrontiert, und Sie lernen, vermeintliche Grenzen zu überwinden.

Führen Sie manchmal Selbst­gespräche beim Laufen?
Wenn es richtig hart wird, besabbere ich mich manchmal, aber Selbstgespräche sind bizarr. Fragen, die mir meine innere Stimme stellt, beantworte ich nicht laut.

Wie ist das mit Schlafentzug, der lässt sich doch sicher nicht so leicht wegstecken?
2005 bin ich 563 Kilometer in drei Tagen gelaufen, ohne zu schlafen. Mein Trainingspartner und ich, wir haben immer gesagt: „Schlafen ist für Weicheier.“ Schlafen wird überbewertet, genau wie Bequemlichkeit. Ausdauer schläft nicht.

Sie lassen sich ganz offensichtlich nicht so leicht von einem Ziel abbringen. Welche drei Dinge (außer einer Verletzung) würden Sie dazu bringen, ein Rennen oder einen Rekordversuch abzubrechen?
Eine Zombie-Apokalypse, Armageddon und eine Invasion von Außerirdischen. Obwohl, mit Marsmännchen zu laufen, wäre wahrscheinlich ziemlich lustig.

Welche Route würden Sie den Mars-Männchen denn zeigen?
Meine Lieblingsroute ist gleich bei mir zu Hause: Sie führt von San Francisco über die Golden Gate Bridge in die Marin Headlands. Ich liebe diese Strecke und schaue mir gern den Sonnenuntergang über dem Pazifik an.

Klingt idyllisch. Was ist das Ekelhafteste, das Sie beim Laufen je überwinden mussten?
Einmal bin ich in eine Schlange hineingelaufen, die von einem Baum herabhing. Das war überraschend. Zum Glück haben meine Beine nicht versagt!

Was war Ihr bislang stolzester Moment?
Wenn Sie damit meinen, was meine größte Errungenschaft ist, überrascht Sie die Antwort vielleicht. Ich bin schon überall auf der Welt gelaufen, aber die Leistung, die mir am meisten bedeutet, ist ein Zehnkilometerlauf mit meiner Tochter Alexandria an ihrem 10. Geburtstag. Dieses Erlebnis wird immer unübertroffen bleiben.

Was sagt Ihre Familie zu alldem?
Ich habe die beste Familie der Welt. Ja, sie halten mich für verrückt, aber sie verurteilen mich deswegen nicht und unterstützen mich, egal, was ich tue. In dieser Hinsicht bin ich der glücklichste Mensch auf Erden, und ich werde das nie für selbstverständlich nehmen. Wir haben viele tolle gemeinsame Erinnerungen, und es werden noch viele hinzukommen!

Beschweren sie sich je über stinkende Schuhe?
Nein, nie, aber ich muss sie draußen vor der Tür lassen.

Verständlich. Wie viele Paar verschleißen Sie denn so in einem Jahr?
40 bis 50 Paar. Zum Glück habe ich einen Sponsor, sonst wäre ich schon pleite.

Was macht der Mann, der schon überall gelaufen ist, als nächstes?
Die nächste große Herausforderung, die ich gerade plane, ist eine weltweite Expedition: Ich will in einem Jahr in jedem Land der Erde einen Marathon laufen. Es gibt 204 Länder, und ich arbeite mit dem US-Außenministerium und mit der Uno zusammen, um alle nötigen Pässe und Genehmigungen zu bekommen. Sie können sich vorstellen, dass Planung und Logistik genauso schwierig sind wie die läuferische Herausforderung. Aber ich ermuntere meine Kinder immer, große Träume zu haben. Da muss ich mit gutem Beispiel vorangehen.

Sie haben sich und Ihr Talent zu einer Marke aufgebaut: Wie verbinden Sie das Geschäftliche mit dem Sport?
Da ich das Glück hatte, meine Leidenschaft zum Beruf machen zu können, verbindet sich das alles ganz natürlich. Meine Frau sagt, sie hätte noch nie jemanden so hart arbeiten sehen wie mich. Ich mache nie eine Pause. Aber es fühlt sich ehrlich gesagt nicht wie Arbeit an. Ich liebe jede Sekunde.

Wann hören Sie auf, haben Sie ein Endziel?
Ich sage immer: Meine Ziellinie ist eine Holzkiste. Ich werde laufen, so lange es mir Spaß macht. Wenn ich eines Morgens aufwache und keine Freude mehr daran habe, höre ich auf und mache etwas anderes. Aber momentan ist meine Leidenschaft für das Laufen so groß wie am ersten Tag. Ich mag natürlich auch jede Menge andere Sportarten, die man im Freien betreiben kann. Ich lebe in Kalifornien, da bin ich mit Surfen aufgewachsen. Außerdem liebe ich Mountainbikefahren, Klettern, Snowboarden und Windsurfen. Ich denke, diese anderen Sportarten sind ein Ausgleich zum Laufen und helfen mir, einen Burn-out zu vermeiden.

Wenn ich diese Antwort nur höre, bekomme ich Lust, mich mit einer Tasse Tee und ein paar Keksen aufs Sofa zu setzen. Was sagen Sie zu einer Stubenhockerin, wenn Sie sie zum Laufen bringen wollen?
Lernen Sie, das zu lieben, was Sie hassen.

Fotos: Dean Karnazes