Ausgabe 2 2015

Remix Des Lehrers neuer Liebling

Mit dem Schritt ins Internet sind Bildungsmaterialien offen zugänglich. Diese neue und wachsende Informationsquelle bietet Material, das Lehrer, Lernende und Forscher wiederverwenden, weiterreichen, neu zusammensetzen und überarbeiten können.

Mit dem Schritt ins Internet sind Bildungsmaterialien offen zugänglich. Diese neue und wachsende Informationsquelle bietet Material, das Lehrer, Lernende und Forscher wiederverwenden, weiterreichen, neu zusammensetzen und überarbeiten können.

Es ist Nachmittag, viertel nach zwei, die letzte Stunde des Schultags läuft. Ein pubertärer Teenager bewirft seine Mitschüler mit Papierkugeln. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein geschlossenes Schulbuch. Er ist desinteressiert, gelangweilt. Der Albtraum eines jeden Lehrers. Die meisten erinnern sich an solche Szenen aus ihrer Schulzeit. Viele haben Mitleid mit dem Lehrer. Wie lassen sich solche Schüler besser bei der Stange halten?

Vielleicht mit einer neuen Entwicklung des digitalen Zeitalters: Open Educational Resources, kurz OER. Das sind frei verfügbare Lehr- und Lernmaterialien, mit denen Lehrer Konzepte aus den unterschiedlichsten Quellen verbinden und ihr eigenes Multimedialehrmaterial schaffen können, das den Bedürfnissen ihrer Klassen gerecht wird – den Interessen der Schüler, dem Bildungsplan und dem Bildungsniveau.

Und so sieht ein Remix im Bildungsbereich aus: Lehrkräfte tragen Material aus verschiedenen Quellen zusammen, kopieren, verbinden und erweitern es und stimmen es auf ihre eigenen Bedürfnisse ab. Das macht den Stoff relevanter und hält die Schüler bei der Stange.

Eigentlich klingt diese Entwicklung traumhaft. Schließlich geht es darum, einen universellen Zugang zu Wissen und Bildung zu schaffen, überall und für alle – von einer Förderschulklasse bis zu Studierenden in aller Welt, die Lehrmaterial und Onlinevorlesungen von Eliteuniversitäten wie Harvard, Yale und MIT nutzen möchten. Jenseits der traditionellen Bildungsstrukturen bietet das OER-Konzept jedermann freien Zugang zum Bildungsmaterial – vom Fabrikarbeiter, der sich weiterbilden möchte, bis zum medizinischen Forscher, der lebensrettende wissenschaftliche Ergebnisse nutzen und weiterentwickeln will

Aber das Ganze klingt doch sehr nach Abkupfern, vielleicht sogar Diebstahl. Was ist mit dem Urheberrecht? Hier kommen die sogenannten freien Lizenzen ins Spiel. Einer der Anbieter von solchen Lizenzen ist Creative Commons (CC). Die Organisation bietet eine Reihe von Lizenzen, die weltweit anerkannt werden. Urheber können damit ihre Rechte wahren, Anerkennung für ihre Arbeit erhalten und gleichzeitig steuern, in welchem Umfang sie anderen die Nutzung ihrer Materialien erlauben möchten. Die Lizenzen reichen von der sehr offenen CC-BY-Lizenz – hier dürfen andere das Material verbreiten, neu zusammensetzen und darauf aufbauen, auch für kommerzielle Zwecke, solange der Urheber genannt wird – bis zur restriktivsten Variante, bei der Arbeiten nur weitergegeben werden dürfen, wenn keine Veränderungen vorgenommen wurden, der Urheber genannt wird und keine kommerzielle Nutzung vorliegt. (Eine vollständige Liste der unterschiedlichen Lizenzen finden Sie im Infokasten.)

Natürlich ist dies ein relativ neues Feld des Ressourcenmanagements, in dem es auch jenseits von Urheberrechts- und Lizenzfragen noch viele Hürden zu überwinden gibt. Staaten und internationale Organisationen wie die UNESCO oder die Europäische Union arbeiten daran, OERs weltweit besser zu verstehen, zu fördern und zu erschließen. Zu den Schwerpunktthemen zählen das Bestreben, staatlich finanzierte Forschung öffentlich zugänglich zu machen, die Problematik eines mehrsprachigen Zugangs zu Ressourcen und – in einer Welt, in der jeder mitmischen darf – natürlich das Thema Qualitätssicherung. Auch die Gefahr einer neuerlichen Kolonialisierung ist ein Thema, denn die meisten Ressourcen werden in den westlichen Industrieländern erstellt.

Hier spielt das Remix-Konzept eine entscheidende Rolle. Statt Unterlagen zu kopieren und zu übersetzen, können Lehrer in Ländern, die weit vom Ursprungsort des Materials entfernt sind, den Stoff an ihre Gegebenheiten anpassen. Sie übernehmen ihn nicht eins zu eins, sondern passen ihn an einen anderen kulturellen Kontext an, fügen unterschiedliche Perspektiven hinzu, kombinieren ihn mit bestehenden Ressourcen und verbessern ihn. Das OER-System ist vielleicht noch nicht perfekt, aber es bringt Lehrmaterial hervor, das erheblich besser ist als die alten Schulbücher voller Eselsohren, die ihre Leserinnen und Leser höchstens noch zu Papierschlachten animieren.

Foto: SuperStock/gettyimages