Ausgabe 4 2015

Chefsache Die Guten, die Bösen … und die Wahnsinnstypen

Ganz nach oben zu kommen, ist nicht leicht. Ist das vielleicht nur etwas für Geistesgestörte?

Vielleicht mehr als alle anderen in einem Unternehmen müssen Chefs in vielen Bereichen glänzen – von der Personalführung über die Steigerung von Umsatz und Gewinn bis hin zur Kundenbindung. Wenn Chefs ihre Vorgaben nicht erfüllen, haben sie ein Problem. Ganz nach oben zu kommen, ist nicht leicht. Ist das vielleicht nur etwas für Geistesgestörte?

Erfolg basiert auf dem Überleben der Stärksten; um die Verlierer mache ich mir keine Gedanken.“ Wer hat das gesagt? Klingt darwinistisch. Oder stammt der Satz gar von Steve Jobs? Wenn nicht, dann wahrscheinlich von irgendeinem Investmentboss, vielleicht von dem Typen aus dem Film „The Wolf of Wall Street“?

Alles falsch. Das ist der erste Satz, mit dem die Teilnehmer des Persönlichkeitstests „Levenson Self-Report Psychopathy Scale“ konfrontiert werden.

Über die geistige Gesundheit eines Menschen sagt die Bewertung dieses Satzes allein noch nichts aus, aber es scheint, als könnte diese Aussage von jedem beliebigen Topmanager stammen. Schließlich stehen Chefs und Führungskräfte oft unter einem derart hohen Leistungsdruck, dass es in vielen Fällen nur darum geht, nicht unterzugehen. Nur die Stärksten überleben. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es nicht schwerfällt, der Theorie zu glauben, dass Menschen mit wenig oder keinem Einfühlungsvermögen, einer ausgeprägten Fähigkeit, andere und deren Meinungen zu manipulieren, und mit einer rücksichtslosen Zielstrebigkeit – also mit klassischen Eigenschaften von Psychopathen – in der wettbewerbsorientierten Unternehmenswelt am besten klarkommen.

Psychopathische Unternehmenswelt

Die Organisationspsychologen Paul Babiak, Craig Neumann und Robert Hare haben in ihrer Studie „Corporate Psychopathy: Talking the Walk“ 203 Teilnehmer eines Führungskräfteprogramms untersucht. Drei Prozent davon konnten als psychopathisch klassifiziert werden, während es in der Gesamtbevölkerung nur ein Prozent ist. Im Gefängnis liegt die Quote der als Psychopathen eingestuften Menschen übrigens bei 15 Prozent. Nun sind drei Prozent kein riesiger Anteil, aber das Dreifache des Normalen ist schon bemerkenswert.

Wir reden natürlich nicht von Horden nach Art eines Charles Manson, die vergnügt durch die Vorstandsetagen hüpfen. Psychopathen aus der Unternehmenswelt sind gesellschaftlich hochfunktionale Menschen, die weniger zu Brutalität oder impulsivem, von der gesellschaftlichen Norm abweichendem Verhalten neigen als stereotypische Psychopathen. Babiak und seine Kollegen definieren sie als Primärpsychopathen, die einen aggressiven Narzissmus und manipulatives Verhalten an den Tag legen, während Sekundärpsychopathen sich durch Impulsivität und mangelnde Selbstkontrolle auszeichnen. Psychopathen in Unternehmen können von ihren Kollegen trotz erkennbarer Schwächen bei der Personalführung sogar als kreativ, kompetent, kommunikationsstark und als kreative Denker wahrgenommen werden.

Für so jemanden arbeiten möchten die meisten nicht – und was noch schlimmer ist: Sie sind gefährlich fürs Geschäft, weil sie nur auf den eigenen Vorteil aus sind und kein Interesse haben an anderen und Ergebnissen, die sie persönlich nicht voranbringen. Oder provokativer ausgedrückt: Das eigene Gewinnstreben ist für Psychopathen deutlich wichtiger als bei Themen wie Kinderarbeit oder Umweltschutz eine gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und CSR-Ziele zu verfolgen – was zu erheblichen Reputationsschäden für die Firma führen kann.

Rezept für einen guten Chef

Die meisten Menschen haben eine ganz gute Vorstellung davon, für wen sie arbeiten und sich ins Zeug legen möchten und für wen nicht. Glaubt man aktuellen Forschungstrends, die Dr. Emma Seppälä in der Harvard Business Review vorstellt, haben nette Chefs die Nase vorn. Aber Vorsicht: Nette Chefs können im Wettbewerb nur bestehen, wenn sie mit den richtigen Strategien dafür sorgen, dass sie nicht ausgenutzt werden; dazu gehört, die eigenen Interessen zu vertreten, Grenzen zu setzen und sich in die Sichtweise anderer hineinzuversetzen. Nette, gutmütige und kompetente Chefs schaffen Vertrauen, bieten ein weniger stressiges Arbeitsumfeld – nichts lässt den Blutdruck so schön steigen wie ein aggressiver Chef, der einem dauernd im Nacken sitzt – und können bei ihren Mitarbeitern mehr Einfluss ausüben. Sie fördern Teamwork und schaffen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Außerdem sind Mitarbeiter bei einem aufopfernden Chef loyaler, engagierter und bringen auch mal freiwillig einen Extraeinsatz.

Eine Auswertung von Google von zahlreichen Leistungsbeurteilungen, Umfragen und anderen internen Informationsquellen zeigt ein ähnliches Ergebnis: Ausgeglichene Chefs, die sich Zeit für Vieraugengespräche nehmen und Probleme mit den Mitarbeitern durchsprechen statt Lösungen zu diktieren, waren als Vorgesetzte am meisten gefragt. Eine klare Vision und Strategie sowie Fachkompetenz waren zwar auf der Liste der wünschenswerten Eigenschaften von Chefs auch vertreten, sie rangierten aber hinter Sozialkompetenz und Kommunikationsfähigkeit.

Vor diesem Hintergrund erscheint es seltsam, dass schlechte, vielleicht sogar psychopathische Chefs in der Unternehmenswelt überhaupt noch existieren. Schließlich gibt es wenig bis keine Nachfrage nach narzisstischen Leitern schwacher Teams. Geschäftsführer wollen Leistung, erstklassige finanzielle Ergebnisse und Innovationen von glücklichen, langjährigen Mitarbeitern – und die gibt es nur unter guten Managern. Woher kommt dann die Diskrepanz?

Hier geht's zum Test: http://www.kevindutton.co.uk/psychopath-challenge.php

Die Ursache des Problems

Die Managementforscher Amanda Gudmundsson und Gregory Southey sagen, das Problem beginne bereits in den Business Schools (vor allem in den USA), wo die Studenten Einfühlungsvermögen nicht als eine wesentliche Führungsqualität ansehen. Vielmehr sind sie egoistischer, und gegenüber anderen Absolventen betrügen sie doppelt so oft. Dies setzt sich in der Arbeitswelt fort, wo Traineeprogramme oft irreführende Stereotype als gute Führungsqualitäten verkaufen: Erfolgreiche Manager sind entschlossen, charismatisch, eigensinnig und um jeden Preis gewinnorientiert – vor allem in unternehmerischen Umgebungen, wo Zocker hohe Gewinne einfahren, manchmal aber eben auch hohe Verluste. Hier werden Stereotype zementiert und die „netten“ Chefs, die wir vorgeben zu mögen, geraten ins Hintertreffen. Der Managementprofessor Timothy Judge sagt, wer nett ist, gefährdet seine Gehaltsverhandlungen, sein berufliches Ansehen und seine Karrierechancen.

Auch wenn dieser Artikel postuliert, dass Führungsstereotype den Psychopathen in den Chefetagen das Leben leichter machen, gibt es viele Möglichkeiten, ein schlechter Chef, und noch mehr Möglichkeiten, ein Idiot zu sein. Letztlich müssen die Personalabteilungen in Zusammenarbeit mit den Entscheidern die Schlechten aussortieren und die Guten behalten. Allerdings sind schlechte Chefs nicht immer einfach zu erkennen.

Potenzielle Lösungen

Eine Möglichkeit, schlechte Chefs zu erkennen, besteht darin, die interne Nachfolgeplanung zu verbessern und Managementpositionen nach Möglichkeit mit internen Kandidaten zu besetzen. Bei externen Bewerbern ist es oft schwierig, zwischen den Zeilen des Lebenslaufs Belege für soziale Kompetenz zu finden. Interne Kandidaten konnte die Personalabteilung in der Regel über Jahre hinweg kennenlernen. Zudem sollten Führungskräfteprogramme immer Persönlichkeitstests und 360-Grad-Feedback von Teammitgliedern enthalten. Der Untergebene hat gegenüber einem Geschäftsführer für gewöhnlich mehr Gelegenheiten, negative Charakterzüge oder im Extremfall gar Mobbingverhalten bei einem Manager zu erkennen oder damit konfrontiert zu werden. Auch wenn Babiak, Neumann und Hare warnen, dass das allein nicht reicht, müssen solche Werkzeuge richtig genutzt und bewertet werden.

Jenseits von Personalverantwortung und Führungsprogrammen sollten Entscheider einen ehrlichen Blick in den Spiegel werfen und sich selbst ihre Schwächen eingestehen. Das mag seltsam klingen, aber Psychopathen sind unter anderem besonders gut darin, Schwächen zu überdecken. Ein Manager, der seine Schwächen kennt und versteht, kann viel besser hinter die Fassade von Komplimenten und Lügen blicken, die dazu führen kann, dass der Falsche eingestellt wird.

Letztlich muss aber jeder Einzelne dazu beitragen, dass die Unternehmenskultur „netter“ wird. Nicht nur die Extrovertierten müssen Respekt ernten, sondern auch die stilleren Typen. Außerdem muss Kommunikation über alle Hierarchieebenen hinweg stattfinden, nicht nur von oben nach unten. Belohnungen, seien sie monetärer oder anderer Natur, müssen immer transparent und fair sein. Nur so können Unternehmen dafür sorgen, dass nicht die Insassen die Anstalt leiten.

Noch nicht genug gehabt von den Psychopathen? Hier ein paar Buchtipps:

Für einen Überblick über die Psychopathie und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen empfiehlt pay „Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann“ von Kevin Dutton (Deutscher Taschenbuch Verlag, 2013). Dutton erklärt, warum Psychopathen für „normale“ Menschen oft als unberechenbar und erschreckend gelten. Dazu gibt es auch einen Selbsttest, um herauszufinden, ob man ein potenzieller Killer ist.

ISBN-10: 3423249757

Psychopathen sind keine Außenseiter, sondern oft im eigenen Unternehmen zu finden. In ihrem Buch „Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit“ (Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2007) berichten Paul Babiak und Robert D. Hare von den typischen Business-Psychopathen, und wie man am besten mit ihnen umgeht. Vor dem nächsten Vorstellungsgespräch sollte man auf jeden Fall einen Blick reingeworfen haben.

ISBN-10: 3446409920

Man sollte die Methoden eines Psychopathen nicht gleich als skrupellos und böse abstempeln, sondern auch etwas von ihm lernen. Im neusten Buch von Kevin Dutton und Andy McNab „Der Psychopath in dir – Entdecke deine verborgenen Stärken!“ (Fischer Taschenbuch, 2015) werden die positiven Fähigkeiten eines Psychopathen hervorgehoben, die oftmals besser sind als die der meisten anderen Menschen. Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, ein bisschen crazy zu sein.

ISBN-10: 3596032733

Illustrationen Katharina Gschwendtner