Ausgabe 4 2015

Praxis Ein Gespräch über Fintech

Zwei Experten aus unterschiedlichen Lagern sprechen über die jüngsten Trends in der Finanztechnologie

Zwei Experten aus unterschiedlichen Lagern sprechen über die jüngsten Trends, Entwicklungen und Schwierigkeiten in der Finanztechnologie: Nektarios Liolios, Mitgründer des Startupbootcamp FinTech, und Matthias Gerhardt, Head of Corporate Development bei arvato Financial Solutions.

Kommen wir gleich zum Punkt: Was gibt es Neues in der Finanztechnologie?
Nektarios Liolios: Einerseits tut sich eine Menge, andererseits gibt es noch viele weiße Flecken auf der Fintech-Landkarte. In Bereichen wie Zahlungsverkehr und alternative Finanzierung ist ein gewisses Maß an Digitalisierung zu beobachten, im Wealth und Asset Management scheint zumindest ein entsprechender Trend aufzukommen. Aber einige grundlegende Prozesse der Branche haben noch keinerlei technische Verbesserung erfahren, von Digitalisierung ganz zu schweigen.

Warum geht es nur in bestimmten Bereichen voran?
Matthias Gerhardt: Sehen Sie sich doch nur einmal an, wie sich die Banken im Geschäftsfeld Zahlungsverkehr verhalten. Ihre Trägheit bei Innovationen macht es anderen – zum Beispiel Start-ups – leicht, ihr Glück zu versuchen. Das Wachstumspotenzial, das Start-ups brauchen, bietet der Zahlungsverkehr auf jeden Fall.
Liolios: Innovationen werden von Menschen vorangetrieben, die ein Problem erkennen und lösen. Insofern ist der Zahlungsverkehr ein idealer Bereich für Fintech-Innovationen, denn hier haben viele Menschen Probleme erkannt, und einige Findige unter ihnen haben Lösungen dafür entwickelt.

Was wird die nächste große Neuerung sein?
Gerhardt: Bisher waren die meisten Initiativen von begrenzter Tragweite. Ich gehe davon aus, dass die nächste große Neuerung etwas Globaleres ist, das sich nicht nur auf ein einzelnes Geld- oder Regulierungssystem erstreckt.
Liolios: Das ist eine sehr interessante Aussage, denn wir beim Startupbootcamp FinTech (SBC) ermutigen Gründer ausdrücklich, sich nur auf ein Segment zu konzentrieren. Wenn sie in einem kleinen Rahmen nicht nachweisen können, dass ihr Modell funktioniert, werden sie keinen Erfolg haben. Aber zurück zu Ihrer Frage: Momentan ist auch ein Trend zur Demokratisierung von Finanzdienstleistungen und zur Beseitigung von finanzieller Ausgrenzung zu beobachten. Peer-to-Peer-Kredite spielen hier eine Rolle, aber die Demokratisierung betrifft auch grundlegendere Dinge wie Zugang zu Zahlungen oder Devisen.
Gerhardt: Das sehe ich genauso. Deshalb glaube ich, dass die nächste große Neuerung etwas sein wird, das in vielen Bereichen Anwendung findet. Finanzielle Inklusion könnte dabei eine große Rolle spielen.

Wie ist die Verteilung von B2B und B2C in der Finanztechnologie – heute und in Zukunft?
Gerhardt: Wenn ich von meiner Erfahrung ausgehe, dürften ernsthafte Vertreter der nächsten Start-up-Welle B2C den Vorzug geben, weil der Privatkundenbereich mehr Wachstumspotenzial bietet. Außerdem ist es einfacher, ein glaubwürdiges B2C-Angebot zu konzipieren, das auch Otto Normalverbraucher versteht, als ein B2B-Angebot, das dann doch etwas komplexer ist.
Liolios: Das höre ich von Ihnen zum ersten Mal.
Gerhardt: Gut, deshalb bin ich gespannt, welche Erfahrungen Sie gemacht haben.
Liolios: Wir sehen viele B2B-Modelle, weil dort das Geld ist. Start-ups brauchen eine entsprechende Finanzierung, um überhaupt bis zum ersten Marktteilnehmer zu kommen, und das SBC-Programm verschafft ihnen Glaubwürdigkeit und die nötigen Kontakte im Markt. Im Fintech-Sektor sind die Grenzen fließender als anderswo. Wir haben gesagt, bei Innovationen geht es darum, Probleme zu lösen, aber die Öffentlichkeit ist sich vieler Probleme, die B2B-Angebote lösen, überhaupt nicht bewusst. Das sind keine Dinge, die Privatkunden betreffen, und deshalb ist es schwieriger, eine Idee zu entwickeln, sich die nötige Finanzierung zu sichern und in den Markt einzusteigen. Ich würde die Entwicklungen im B2B-Bereich aber nicht unterschätzen. Das wird die zweite Welle nach B2C.

Herr Gerhardt, wir haben über Kooperationen in der Fintech-Branche gesprochen. Wenn Sie ein Start-up wären, was müsste ein Partnerunternehmen mitbringen?
Gerhardt: Zum einen natürlich Geld, aber vor allem auch Markterfahrung und ein Verständnis dafür, wie Wachstum – richtiges Wachstum – funktioniert. Ich würde vermutlich auch ein Bootcamp in Singapur favorisieren, weil es dort einen größeren Markt für Finanzlösungen gibt. Wenn ich mich für Europa entschiede, würde ich definitiv jenseits von scheinbarer Macht auf die zugrunde liegenden Fähigkeiten schauen. Und ich würde da hingehen, wo meine Lösung gebraucht wird; das ist nicht unbedingt London, auch wenn diese Stadt momentan die größten Fintech-Investitionen anzieht.

Wie sehen Sie das, Herr Liolios?
Liolios: Nun ja, ich bin da natürlich hochgradig voreingenommen. Ganz allgemein würde ich sagen, dass es in meinen Augen zwei Arten von Start-ups gibt: diejenigen, die auf einen schnellen Verkauf zielen, und diejenigen, die zu uns kommen und Dinge sagen, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, zum Beispiel: „Wir wollen die Welt verändern.“ Es mag albern klingen, aber echte Unternehmer glauben an ihr Produkt, sie sind sehr zielgerichtet und wollen es wirklich bis zum Schluss durchziehen. Aber hier gibt es natürlich auch eine Konzernperspektive.

Und die wäre?
Liolios: Diejenigen, die einen schnellen Ausstieg favorisieren, werden sich zum Verkauf stellen, und dann sind sie weg. Die anderen Start-ups werden vielleicht irgendwann von einem großen Unternehmen übernommen. Leider sind Konzerne nicht immer in der Lage, die Kultur eines Start-ups mit ihrer eigenen zu vereinen, und so ist es mitunter schwierig, den Gründergeist des Jungunternehmens zu bewahren.
Gerhardt: Ich denke, die intelligenten Konzerne wissen, dass sie nicht einfach ein Start-up samt Kultur kaufen und integrieren können. Start-ups hängen in hohem Maße von ihren Gründern ab, und die wird eine Übernahme immer verändern, entweder wirtschaftlich oder emotional.
Liolios: Das Problem mit der Kultur ist bekannt. Interessanter ist es, sich anzusehen, wie Unternehmen damit in Bezug auf ihre Innovationen umgehen.

Und wie sieht das aus?
Liolios: Etablierte Unternehmen müssen Innovationen hervorbringen, um zu überleben. Aber ich glaube, es gibt wenige, die dieses Thema richtig anpacken. Wichtig ist, kontinuierlich Geld zu investieren. Außerdem müssen die Unternehmen Fehlschläge als normalen Bestandteil des Prozesses begreifen, nicht als Grund, ein Projekt zu kippen. Letztlich geht es um die gesamte Unternehmenskultur. Visionäre Unternehmen arbeiten konsequent an internen und externen Innovationen.
Wenn Unternehmen mit Innovationen Erfolg haben wollen, müssen sie weit mehr tun, als einen internen Wettbewerb auszuschreiben oder einen Innovationsverantwortlichen ins Board zu setzen.
Gerhardt: Wenigstens haben diese Unternehmen erkannt, dass sie etwas tun müssen, und durch einen Verantwortlichen im Board machen sie Innovationen tatsächlich zu einem wichtigen Thema. Das stimmt mich optimistisch.
Liolios: Optimismus ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Wie viele Unternehmen dezentralisieren denn ihr Management, um wirklich innovativ sein zu können? Praktisch keine.
Gerhardt: Aber Konzerne und etablierte Unternehmen sind keine Unternehmer im Sinne von Gründern; im Idealfall beschäftigen sie Menschen mit Unternehmergeist. Vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit. Unternehmen müssen immer einen Kompromiss zwischen Visionen und Kontrolle finden. Sie müssen für jede Entscheidung Rechenschaft ablegen. Investieren ist für sie eine geschäftliche Herausforderung. Konzerne haben nun einmal mehr Regeln als Freiräume. Aber sie können ein Budget für Innovationen bereitstellen und sich so verändern, dass sie überleben.
Liolios: Ich denke, Unternehmen müssen auch überlegen, wie sie Kooperationsbemühungen und Eigeninteressen unter einen Hut bringen. Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass einige der jetzt neuen Fintech-Entwicklungen irgendwann Standarddienstleistungen werden. Blockchain ist ein gutes Beispiel dafür: Die aktuellen Probleme betreffen nur die Umsetzungsebene. Da gibt es Potenzial.
Ich will nicht auf die Konzerne eindreschen. Ich will nur erreichen, dass die Menschen begreifen, dass sich buchstäblich alles in unserer Welt verändert. Ich unterhalte mich viel mit großen Banken, die an den kleinen Veränderungen kein Interesse haben. Das sollten sie aber, denn ihr Niedergang kommt nicht über Nacht. Sie werden so lange kleine Teile ihres Geschäfts verlieren, bis nichts mehr übrig ist.

Sicherheit und Regulierung scheinen in der Finanzbranche immer noch ein riesenThema zu sein. Wie wichtig ist für die Finanztechnologie Vertrauen, das oft durch Regulierung geschaffen wird?
Gerhardt: Finanztechnologie funktioniert nicht ohne Vertrauen. Bis zur Finanzkrise war Vertrauen in der Branche fest verankert; seitdem ist es verschwunden. In gewissem Maße hat auch diese Entwicklung Chancen für Fintech-Unternehmen eröffnet, denn Start-ups sind besser in der Lage, Vertrauen aufzubauen. Das müssen sie natürlich auch. Wenn ihnen das nicht gelingt, können sie nicht wachsen.
Die Technologie ermöglicht uns eine neue Perspektive. Sehen Sie sich den Genossenschaftssektor an, der im Grunde darauf basiert, dass sich die Menschen gegenseitig helfen. An diesem Prinzip hat sich in den vergangenen 50 Jahren nichts geändert. Aber mit dem Wachstum der Branche sind immer mehr Vermittlungsstufen hinzugekommen. Die Technologie bringt den Sektor zu seinen Wurzeln zurück, so paradox das klingen mag, zum Beispiel durch Portale für Peer-to-Peer-Kredite. Entscheidend ist letztlich, das technische Potenzial auf innovative, aber verantwortungsvolle Weise zu nutzen.

Fotos arvato Financial Solutions; Nektarios Liolios