Ausgabe 4 2015

Praxis Fintech – viel größer, als man denkt

Der Aufstieg der Finanztechnologie und was das für die Finanzbranche bedeutet

Die Digitalisierung erfasst alle Branchen, aber für die Finanzbranche bringt sie besondere Herausforderungen mit sich, mit denen weder Großbanken noch Start-ups allein fertigwerden können. Warum es bei Finanztechnologie (Fintech) mehr um Zusammenarbeit als um Konfrontation geht.

Können Sie sich noch an das erste Buch erinnern, das Sie bei Amazon bestellt haben, oder an das erste online ausgesuchte Kleidungsstück, bei dem sie gebangt haben, ob es wohl passt? Am Anfang hatte der Onlinehandel noch seine Beschränkungen. Heute gibt es im Internet fast alles zu kaufen, und der Service ist erheblich besser – selbst bei sehr individuellen Produkten wie einer Brille. Die Digitalisierung ist überall, und überall entstehen neue Nischengeschäftsmodelle für maßgeschneiderte Dienstleistungen.

Banken nehmen die Digitalisierung nur sehr langsam an. Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich um ein konservatives Geschäftsfeld, in dem Vertrauen und Zuverlässigkeit von zentraler Bedeutung sind und strenge Regulierungsvorschriften gelten. Diese Faktoren, die die digitale Experimentierfreudigkeit bremsen, sind wie störrische Schafe auf einer Straße. Aufhalten können sie die Digitalisierung der Finanzbranche aber nicht. Die Kunden wollen persönliche Onlinedienstleistungen, und sie wollen darauf vertrauen können, dass sie ihre Bankgeschäfte auch über digitale Kanäle sicher abwickeln können. Das hat in der Finanzbranche eine Revolution ausgelöst, die in den kommenden Jahren noch für gehörig Wirbel sorgen wird, vermutlich sogar schon in den kommenden Monaten.

Wachstum von epischem Ausmaß

2014 stiegen die Fintech-Investitionen in Europa gegenüber 2013 um 215 Prozent. Damit ist der europäische Markt stärker gewachsen als in den USA. Weltweit haben sich die Investitionen von 3,8 Milliarden Euro auf 11,4 Milliarden Euro verdreifacht. Ein sogenanntes Einhorn der Fintech-Branche – Einhörner sind Start-ups mit einer Marktkapitalisierung von mehr als einer Milliarde US-Dollar – ist zum Beispiel Lufax, ein chinesischer Kreditmarktplatz, auf dem sich Nichtbanken gegenseitig Geld leihen und der auf 430 Millionen Euro kumulative Finanzierung kommt. Das amerikanische Start-up Square, das einem Kreditkartenleseaufsatz fürs Handy anbietet, ist am 20. November an die Börse gegangen. Das Start-up wurde danach mit einem Unternehmenswert von 2,2 Milliarden Euro bewertet. Im europäischen Vergleich beherbergt Großbritannien momentan nicht nur die meisten Einhörner insgesamt, sondern auch mehr als die Hälfte aller Fintech-Einhörner. Das hat mit Londons Rolle als einem der weltweit wichtigsten Finanzplätze zu tun.

Verbraucherorientierter Ansatz

Interessant ist, dass die allermeisten neuen Milliarden-Start-ups, die zwischen Mai 2014 und Mai 2015 entstanden, den Privatkundenbereich ins Visier nehmen. In Deutschland richteten sich nach Angaben eines Branchenberichts von GP Bullhound sogar alle Fintech-Einhörner an Verbraucher. Und das schnelle Wachstum bei Finanzinnovationen für Privatkunden scheint auch nicht nachzulassen. Wichtig sind hier vor allem Technologien und Entwicklungen in den Bereichen alternative Zahlungsmethoden und Devisenverkehr, Kryptowährungen, Peer-to-Peer-Kredite, Corporate Venturing, Blockchain (die Technologie hinter Bitcoin) und individuelle Vermögensverwaltung.

Am heißesten diskutiert wird momentan das Thema Cybersicherheit, denn das ist der größte Risikofaktor im digitalen Geschäft. Der Imageverlust durch Cyberangriffe kann ein Unternehmen ruinieren. Dr. Christoph Samwer, ein Cousin der bekannten Samwer-­Brüder, drückt es so aus: „Bei Fintech geht es um Geld, und Geld ist Vertrauenssache.“

Samwer führt die Peer-to-Peer-Kreditplattform Lendico, eine Tochter von Rocket Internet, dem bekannten deutschen Interneteinhorn, das weitere Milliardengründungen wie Zalando und Home24 hervorgebracht hat.

Die Entwicklungen in der Fintech-Branche setzen die Banken enorm unter Druck. Dabei kämpfen die immer noch mit den Nachwehen der Finanzkrise und müssen vorsichtig sein. Deswegen lagern sie die Entwicklung von Digitalstrategien gern an externe Dienstleister aus und suchen sich Kooperationspartner. Doch auch, wenn sie im digitalen Geschäft wie die trägen alten Riesen wirken, haben sie den agileren Start-ups durchaus etwas zu bieten: Sie verfügen über reichlich Daten und Erkenntnisse über das Verhalten der Kunden, sie sind international aufgestellt und haben eine große Reichweite, sie sind bereits reguliert, haben Lizenzen, die schwer zu bekommen sind, und sie genießen (in den meisten Fällen) das Vertrauen ihrer Kunden. Das hat in der Finanzbranche letztlich eher eine Atmosphäre der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Wachstums geschaffen als einen reinen Konkurrenzkampf. arvato Financial Solutions ist als Finanzinstitut und erfahrener Outsourcing-Partner kein reiner Beobachter. Als Partner und Investor des Gründerzentrums Startupbootcamp FinTech (SBC) trägt arvato seit einigen Jahren aktiv zu diesen Entwicklungen bei.

Wissen weitergeben

Als Teil dieser Zusammenarbeit unterstützt arvato Financial Solutions SBC-Teilnehmer mit einer strukturellen und strategischen Beratung, Zugang zu globalen Blue-Chip-Unternehmen und Vertriebsnetzwerken sowie mit Ratschlägen von Marktspezialisten aus dem Topmanagement. arvato Financial Solutions nimmt seit zwei Jahren am SBC teil. Das Unternehmen ist bei Bewerberauswahltagen dabei und stellt den Start-ups in den Bootcamps regelmäßig Mentoren zur Seite. Selbst die Geschäftsleitung von arvato Financial Solutions besuchte das SBC Ende Oktober 2015 in London, um einen persönlichen Einblick in die Aktivitäten vor Ort zu bekommen. Im Gegenzug bekommt arvato Financial Solutions die Möglichkeit, Synergien und Chancen zu ermitteln, die den eigenen geschäftlichen Zielen nützen könnten.

Jedes Jahr werden zehn Start-ups für das SBC ausgewählt. Diese „Kohorte“ wird dann vier Monate intensiv geschult. Unter den diesjährigen Teilnehmern des Startupbootcamps sind Cybertonica, ein Cloud-Dienstleister für Risiko- und Sicherheitsinformationen, Tradle, eine Blockchain-Plattform, die eine Art Ratingagentur ist, und WoraPay, ein Händlernetzwerk für digitale Portemonnaies. Alle diskutieren derzeit mit arvato Financial Solutions über mögliche Pilotprojekte und Kooperationen. Als Dienstleister, der sich dem typischen und teuren Problem des Onlinebetrugs annimmt, ist Cybertonica besonders vielversprechend. Das Start-up will die notwendigen, aber lästigen Zweitautorisierungen beschleunigen und zu einem Cloud-Anbieter für den bevorstehenden Authentifizierungsstandard 3-D Secure 2.0 werden, der ab 2018 in Großbritannien Pflicht werden soll. Für die Nutzer ist dieses Verfahren besonders mühselig, weil sie bei einem Onlineeinkauf mehrere Nummern eingeben müssen; deshalb brechen viele den Kaufversuch ab. Die Lösung von Cybertonica ermöglicht es Händlern, die Betrugsschutzstandards einzuhalten, ohne die Kunden mit langwierigen Verfahren abzuschrecken und dadurch Gewinneinbußen hinnehmen zu müssen. Jetzt, wo die Finanzbranche und ihre Kunden immer mehr Geschäfte digital abwickeln, ist der Betrugsschutz unverzichtbar.

Foto Howard Berman/getty iamges