Ausgabe 03 2016

Moral Gute Lügen, schlechte Lügen

Alibi-Websites: ein Blick auf die Welt der erkauften Lügen.

Wir lügen täglich. Aber entgegen der allgemeinen Meinung gibt es nicht nur schlechte Flunkereien, sondern auch solche, die einer positiven Sache dienen. Weltweit gibt es Websites, auf denen man Alibis kaufen kann. Eine von diesen Seiten wirbt damit, sie würde „Menschen in Notsituationen“ helfen. Aber heiligt der gute Zweck wirklich die Mittel? Ein Einblick in die Welt der erkauften Lügen.

Scham und Schuldgefühle

7:30 Uhr, Montagmorgen: David Schuster* rückt sich vor dem Spiegel noch einmal die Krawatte zurecht, küsst seine Frau und verlässt das Haus mit dem Aktenkoffer in der Hand. Was seine Frau und auch seine zwei kleinen Kinder nicht wissen: Er tut nur so, als würde er nun den normalen Arbeitsweg antreten. Tatsächlich ist sein Ziel aber das Arbeitsamt. Er traut sich nicht, seiner Familie zu erzählen, dass er seinen Job verloren hat, den er erst kürzlich begonnen hatte. Davor war David Schuster lange Zeit arbeitslos gewesen. Die Freude über das neue Jobangebot war entsprechend groß. Jetzt möchte er seine Familie nicht wieder enttäuschen und lügt ihnen deshalb rund um die Uhr in die Tasche. Zu seinem erkauften Alibi gehört auch eine gefälschte Teilnahmebestätigung zu einer Weiterbildung. Damit will er noch etwas Zeit schinden, bis er endlich wieder einen echten Topjob antreten kann.

Die Liebe

Ehrlich währt am längsten? Das muss nicht immer stimmen. Manchmal wird lieber gelogen, um so gesellschaftlichen Nachteilen oder Stress zu entgehen. Kim Laing* will um jeden Preis vor ihren Eltern verheimlichen, dass sie lesbisch ist. Ihre Familie ist streng konservativ, und sie hat zu große Angst vor der Ablehnung und den negativen Konsequenzen, die mit einem Outing einhergehen würden. Für die anstehende Geburtstagsfeier ihres Vaters hat sie deshalb bei einer Alibi-Agentur einen Freund gebucht. Der ist eigentlich Schauspieler, aber für diesen einen Tag ist er ihre bessere Hälfte. Um die vermeintliche Liebe überzeugend darzustellen, trafen sich die zwei vorher ein paar Mal und probten.

Das Doppelleben

Mehr Schein als Sein: Es gibt auch Negativbeispiele. Manche Männer nutzen Alibi-Websites auch dafür, um einen Vorteil daraus zu ziehen. So zum Beispiel Tim Rothman*. Er hat etwas, was man ein Alibi-Abo nennt. Bereits seit elf Jahren nutzt er ein und dieselbe Agentur, um vor seiner Frau und seinem Sohn zu verheimlichen, dass er in einer anderen Stadt noch eine Geliebte hat. Um die Täuschung aufrechtzuerhalten, richtete ihm die Alibi-Firma sogar ein Fake-Büro ein. Wenn die Familie zum Lunch kommen möchte, kann sie dort vorbeischauen. Schauspieler mimen dann die netten Kollegen. Visitenkarten gibt es auch noch obendrauf. Herr Rothman ist ein routinierter Lügner.

Endlich mal Ruhe haben

Viele Menschen lügen, um den anderen nicht zu verletzen. Eigentlich in Ordnung, oder? So sieht es auch Trine Nyquist*. Sie ist eine sehr höfliche Person. Konflikte mag sie überhaupt nicht. Momentan kontaktieren sie zwei ihrer Freunde mehrmals täglich. Sie rufen an, wollen sich mit ihr in der Mittagspause treffen und reden. Denn die beiden Freunde hatten einen großen Streit miteinander gehabt und wollen nun ihre beste Freundin Trine als Vermittlerin für sich gewinnen. Doch ihr ist das zu viel. Nur fällt es ihr unglaublich schwer, genau das auch mal auszusprechen. Also hat sie sich an ein vertrauensvoll erscheinendes Alibi-Unternehmen gewandt und um Hilfe gebeten. Jetzt hat Trine Nyquist ihre Ruhe. Denn ihre zwei Streithähne glauben, sie sei für die nächsten drei Wochen im Urlaub. Dafür hat die Agentur gesorgt, indem sie Postkarten in Frau Nyquists Namen verschickt hat. Die perfekte Illusion!

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Illustrationen: Sebastian Schwamm