Ausgabe 01 2017

Tempo Komm mal wieder runter!

Immer höher, schneller, weiter oder doch lieber den Fuß vom Gas nehmen?

Immer höher, schneller, weiter oder doch lieber den Fuß vom Gas nehmen?

Die Werte in der neuen, modernen Arbeitswelt lauten: jederzeit erreichbar und motiviert sein. Wer mithalten will, muss immer wissen, was gerade um ihn herum passiert. Um das zu gewährleisten, nutzen wir die sozialen Medien, um bei gesellschaftlichen Geschehnissen auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wir blicken minütlich auf unser Smartphone, damit wir keinen Anruf und keine Whatsapp-Nachricht von Familie und Freunden verpassen. Unser Lieblingsmagazin haben wir abonniert, um auch bei politischen und kulturellen Themen mitreden zu können. Wir sind die Universalgenies. Generation Alleskönner. Multitaskingfähig. Wir leben in einer „Always on“-Kultur. Genau das haben wir selbst heraufbeschworen, indem wir die Digitalisierung vorangetrieben haben. Rund um die Uhr können wir flexibel auf alle möglichen Daten zugreifen, mit Personen aus aller Welt reden und natürlich auch problemlos von überall aus arbeiten. Der Mensch verändert ständig den digitalen Wandel. Doch die Frage ist: Wie verändert der Wandel eigentlich den Menschen?
Vier Personen zeigen beispielhaft, wie wir unterschiedlich mit diesem Thema umgehen, wie wir in Zeiten der immer schnelleren Digitalisierung aufblühen, wie wir vor ihr flüchten, und wie wir sie uns zunutze machen. Vier Personen, die schluss­endlich auch beweisen: Solange man von seinem Weg überzeugt ist, ist man auch glücklich damit. Egal, wie schnell oder langsam man ans Ziel kommt.

Der Burn-out-­Kandidat
Sascha Pallenberg ist ein gutes Beispiel dafür, wie man die Vorzüge der schnelllebigen Zeit richtig für sich nutzen kann. Der aus Dortmund stammende Tech-Blogger zog 2009 nach Taiwan, in die Republik China. Im Skype-Interview sagt er: „Als ich dort zum ersten Mal war, hat mich der Ort sofort geflasht. Ich bin durch die Stadt gelaufen und habe dann komplett irrational beschlossen: Hier muss ich leben!“ Davor wohnte er eine Weile in Boston und Los Angeles. Der 44-Jährige liebt das Jetset-Leben. „Reisen bildet. Für die Charakterbildung ist das einfach das Wichtigste.“ Dann verrät er: „Ich habe ein Hobby daraus gemacht zu gucken, wie ich am besten an meine Meilen und einen kostenlosen Mietwagen komme.“ Das konstante Unterwegssein und dabei jederzeit erreichbar zu sein, ist zum Life­style avanciert. Doch dass beim Lunch jeder sein Handy zückt, nervt ihn. „Das ist ein echtes Problem unserer Gesellschaft. Keiner will was verpassen.“
In regelmäßigen Abständen veröffentlicht er einen Podcast zum Oberthema Neuland. Aber was hier als neu durchgeht, ist für Pallenberg längst eine Selbstverständlichkeit. Die Bezeichnung Blogger wirkt in diesem Zusammenhang veraltet. Er ist vieles. Businessmensch. Consultant. Und davon kann er gut leben. Aber der Preis, den er dafür zahlt, ist hoch: „Ich habe Freizeit, wenn ich schlafe. Für mich gibt es keine Trennung zwischen dem Beruf und dem sonstigen Leben. Nur wenn ich mit Freunden essen gehe, schalte ich bewusst ab und genieße den Moment.“
Dass dieser schnelle Lebensstil für seine Gesundheit nicht förderlich ist, weiß er genau: „Ich bin ganz klar ein Burn-out-Kandidat. Ich habe in den letzten 15 Jahren drei Wochen Urlaub gemacht. Nur samstags bleibe ich zu Hause, sonntags bin ich wieder im Office. Ich arbeite jeden Tag zwölf bis 14 Stunden. Das kann man nicht ewig machen.“

Der Pendler
Früher war das Auswandern ein großes Wagnis. Doch jetzt können wir alle zu Global Playern werden – wenn wir das denn möchten. Wen kümmert es da schon, wo wir uns nachts zum Schlafen hinlegen? Genau so sieht das auch Jonathon Davey. Der 23-Jährige aus Hampshire, England, ist Student. Aber nach herkömmlichen Maßstäben mit Sicherheit kein gewöhnlicher. Er ist nämlich in Polen wohnhaft, fliegt für sein Studium aber immer wieder nach London, zur University of London. Der Anthropologiestudent im zweiten Semester pendelt regelmäßig 1.500 Kilometer hin und her. Mittwochs sitzt er pünktlich um zehn Uhr im Hörsaal und freitagnachmittags verlässt er sein letztes Seminar um 15 Uhr. Danach geht es wieder für fünf Nächte nach Danzig.
Der Grund für seine Vielfliegerei ist die vorherrschende Wohnungsnot in Großbritanniens Hauptstadt. Also schaute Davey stundenlang nach günstigen Verbindungen zwischen London und osteuropäischen Städten. Schließlich wurde Danzig The Place to be. Die Flüge, den Bustransfer sowie die Übernachtungen in Hostels buchte und zahlte er bereits ein Jahr im Voraus – kaum zu glauben, aber das alles kam für ihn billiger, als direkt am Campus zu wohnen. Den Wunsch nach Sesshaftigkeit, so wie ihn ein Sascha Pallenberg hat, scheint er nicht zu teilen. Er genießt das Extrempendeln.

Die Planerin
Auch Katja Quenzer hat positive Erfahrungen mit Geschwindigkeit gemacht. Sie ist Head of Marketing bei Arvato Financial Solutions – ein Job, der viel Planung und Flexibilität erfordert. Und dafür ist sie genau die Richtige, denn für die 36-Jährige sind die technischen Möglichkeiten keine Belastung, sondern ein Vorteil. Sie ist Mutter eines dreijährigen Sohnes, und dank dieser vielen digitalen Optionen kann sie rund um die Uhr für die Arbeit und ihr Kind erreichbar sein. Für Quenzer bedeutet Tempo vor allem Multitasking. Ihr Arbeitgeber weiß um ihre Fähigkeiten und traut ihr genau deshalb auch die Führungsposition in Teilzeit voll und ganz zu. „Meine Woche ist komplett durchgeplant. Wir sind ein stetig wachsendes, sich weiterentwickelndes internationales Unternehmen. Da sind Abstimmungsrunden und die Synchronisierung von Themen ungemein wichtig.“
Laptop und Smartphone sind ständige Begleiter von Quenzer, die viel und gern für ihren Beruf reist. In der heutigen Zeit ist das papierlose Büro generell zum Alltag geworden. Viele Tätigkeiten lassen sich problemlos von unterwegs oder auch von zu Hause erledigen – Zugriff auf die Informationen hat man schließlich überall. Und ansonsten hilft einfach nur ein guter Plan. „Da muss man eben auch mal Meeting und Spielplatz unter einen Hut bekommen. Das gehört dazu“, resümiert sie. Denn den Job in der Firma, für die sie bereits seit zwölf Jahren tätig ist, liebt sie sehr. „Es macht mich stolz, ein Teil der Erfolgsgeschichte zu sein. Außerdem sind meine Aufgaben immer noch sehr reizvoll für mich, es wird nie langweilig.“
Egal, wie hektisch es auch werden sollte, vom Downshifting, dem ganz geplanten Runterschalten, hält sie nichts. „Zu viel Ruhe würde mich wahrscheinlich wahnsinnig machen. Ich brauche immer was zu tun, und falls das mal nicht der Fall sein sollte, dann suche ich mir etwas.“ Und wenn es mal besonders stressige Phasen bei der Arbeit gibt, stört sie das kaum. „Da hat die vermeintliche Doppelbelastung in meinen Augen eher Vorteile. Täglich beide ‚Welten‘ vor Augen zu haben, relativiert vieles und schafft einen positiven Ausgleich zwischen Privatem und Beruflichem. So ein Wechsel der Perspektiven ist für manche Problemstellungen eher hilfreich, und mit ein wenig Abstand kommt man oft zu einem besseren Ergebnis.“

Der Aussteiger
Rudolf Wötzel war lange Zeit als Investmentbanker tätig. Für ihn kam es vor allem auf Boni an. Dann stieg der gebürtige Münchner, Jahrgang 1963, aus und begann zu downshiften.
Mit Mitte 40 merkte er, dass er nicht mehr die Kraft hatte, bei der Höher-Schneller-Besser-Mentalität mitzuhalten. Es machte ihn nicht zufrieden, und vor allem ging ihm eine gewisse Gelassenheit flöten. Also verabschiedete er sich von seinem Alltag und wanderte durch die Alpen. Von Salzburg bis nach Nizza, 120 Etappen und 129 Gipfel entlang. Darüber schrieb der ehemalige Deutschlandchef der Sektion Mergers & Acquisitions bei der globalen Investmentbank Lehman Brothers sogar das Buch „Über die Berge zu mir selbst: Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben“.
Während der sechs Monate dauernden Reise konnte er viel für sich sein, in sich hineinhören, reflektieren. Das half ihm bei der Neuorientierung. Jetzt lebt Wötzel als Hüttenwirt und freier Schriftsteller in Pfäffikon, bei Zürich, und kann endlich wieder durchatmen. Keine Burn-out-Symptome mehr. Aber das nur, weil er selbst ganz bewusst entschieden hat, dass es so nicht weitergehen kann und er aus diesem Hamsterrad aussteigen muss. Den Menschen, die weiterhin ganz oben in der Finanzwelt mitmischen, rät er, sich trotzdem in Gelassenheit zu üben. Denn so könne man gleichzeitig auch unabhängiger und kritischer denken. Das wiederum führe zu mehr Anerkennung beim Kunden sowie auch bei den Kolleginnen und Kollegen.

Illustrationen: Sam Green