Ausgabe 4 2015

Chefsache Managementstrategien und kulturelle Vielfalt

Die Unternehmenskultur wird meist von der Landeskultur stark beeinflusst. Wie wirken sich die unterschiedlichen Gesellschaften auf Führungskräfte aus?

Die Unternehmenskultur wird meist von der Landeskultur stark beeinflusst. Wie wirken sich die unterschiedlichen Gesellschaften auf Führungskräfte aus?

Gesellschaftliche Einflüsse spielen eine wichtige Rolle in einem Unternehmen. Sie bestimmen die Kommunikation und den Umgang zwischen Chef und Mitarbeiter, die Unternehmensstruktur und die Erwartungen der Arbeitnehmer an den Arbeitgeber. Im internationalen Vergleich fallen sogenannte Unternehmenskulturen sehr unterschiedlich aus. In einer Studie der Development Dimensions International wurden weltweit 1279 Mitarbeiter zu ihren Erfahrungen mit Führungskräften befragt.

34 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass ihre Chefs nur manchmal oder niemals effektiv arbeiten. Im Durchschnitt würden die Befragten außerdem lieber einen Strafzettel, eine Erkältung oder einen schmerzhaften Kater hinnehmen, als ein schwieriges Gespräch mit ihrem Chef zu führen. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass sich in asiatischen Ländern im Gegensatz zu den USA oder zu europäischen Ländern eine andere Unternehmenskultur durchgesetzt hat.

Das Gesicht wahren

Eine Führungskraft ist die leitende Figur in einem Unternehmen, aber Chef ist nicht immer gleich Chef. Seine Rolle und seine Aufgabenbereiche in einem Unternehmen können je nach Kultur unterschiedlich definiert werden. Laut einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ herrscht in chinesischen Betrieben beispielsweise eine klare Rollentrennung: Der Manager ist dafür verantwortlich, die Etikette eines Unternehmens zu wahren und die Hierarchie zu achten. Selbst bei profanen Angelegenheiten wie einem Geschäftsessen spielt diese Struktur eine große Rolle. Man setzt sich nicht willkürlich an einen beliebigen Platz. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, denn es gibt eine festgelegte Sitzordnung. Eine Studie des Norddeutschen Rundfunks (NDR) belegt allerdings, dass in China sich der Trend in Richtung US-amerikanischen Unternehmenskulturen entwickelt. Langsam werden die einst strengen Hierarchien flacher und die Beziehung zwischen Mitarbeiter und Chef entspannter.

Keine Hektik am Arbeitsplatz

US-amerikanischen Führungskräften wird allgemein eine etwas lockerere Arbeitsweise nachgesagt. Allerdings nicht ganz so locker, wie es in Mexiko häufig der Fall ist. Die beiden Universitätsprofessoren Gareth R. Jones und Ricarda B. Bouncken haben in ihrem Buch „Organisation: Theorie, Design und Wandel“ etablierte Unternehmenskulturen in Mexiko und den USA anhand zweier Betriebe, die ein Joint Venture bildeten, verglichen.

Ein mexikanischer Manager betreibt sein Geschäft im Gegensatz zu einem amerikanischen mit eher gemäßigtem Tempo. Stress hat im mexikanischen Arbeitsalltag nichts verloren. In Mexiko sind Unternehmen einen geschützten Markt gewöhnt, daher trifft der Chef seine Entscheidungen mit Gelassenheit und der Zustimmung aller Mitarbeiter. Der hektische US-Amerikaner hingegen fällt seine Entscheidungen rasch für sich allein und kümmert sich später um die Konsequenzen. In anderen Fällen wird die Verantwortung auch hin und wieder an die Führungspositionen der unteren Ebenen abgewälzt.

Der Chef als Aushängeschild

Auch anhand der Erwartungen an die CEOs unterscheiden sich die USA von den Unternehmenskulturen in den meisten anderen Ländern. Der Chef wird als „lebendes Symbol“ betrachtet, das heißt, er ist das Vorbild und gleichzeitig das Aushängeschild einer Firma. Seine Eigenschaften sollten von Disziplin über Kritikfähigkeit, aber auch Annahme von Feedback, bis hin zur Bereitschaft zu persönlichen Veränderungen reichen.

In mancher Hinsicht findet sich dieses US-amerikanische Ideal auch bei brasilianischen Führungspositionen. Zu diesen Ergebnissen kam zumindest das Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen Rödl & Partner in einer Analyse der brasilianischen Unternehmensstruktur. Hier stellt man sich unter dem perfekten Chef ein gütiges und weises, aber auch mächtiges Oberhaupt vor, das nicht so leicht aus der Fassung zu bringen ist. Geduld in der Chefetage scheint den brasilianischen Mitarbeitern ebenfalls ein wichtiges Anliegen zu sein. Im Arbeitsalltag sollte die Führungskraft die Fähigkeiten besitzen, schnell zu agieren, zu reagieren und zu improvisieren.

Ohne Titel keine Befugnis

Man könnte meinen, dass Entscheidungskompetenz eine globale Erwartung von Arbeitnehmern an ihre Manager ist. Singapur belehrt uns aber eines Besseren. Was die Chefetage in der Regel nicht kann? Entscheidungen treffen, Probleme kreativ und effizient lösen oder hin und wieder ein Risiko eingehen. Generell gilt in Singapur das Motto „Ohne Titel keine Befugnis“, wie die NDR-Studie belegt. In dieser Unternehmenskultur werden Hierarchien hoch angepriesen.

Das ist ein absoluter Kontrast zu skandinavischen Ländern, allen voran zu Schweden wie Eva Charlotte Werner in ihrer Dissertation zum Thema „National geprägte Unternehmenskultur am Beispiel Schwedens“ herausfand. Titel sind in schwedischen Unternehmen nicht relevant. Der Umgang ist im Allgemeinen viel formloser und ungezwungener. Der Chef ist sich zwar seiner Führungsposition bewusst, prahlt aber nicht damit, und der Umgang mit den Kollegen ist eher informell. Betritt der Chef morgens das Büro, wird dieser von seinen Mitarbeitern mit einem saloppen „Hej“ begrüßt. In Schweden ist es durchaus üblich, dass die Führungskraft geduzt wird. In Ländern wie Brasilien oder Singapur wäre das unvorstellbar. Außerdem nimmt Schweden eine internationale Vorreiterrolle in der Gleichstellung der Geschlechter in der Chefetage ein. Von den Schweden können wir demnach noch einiges lernen.

Foto Stocksy