Ausgabe 03 2016

Moral Meine Firma, mein Geld, dein Glück

Moralisch ist, wer sein Vermögen nicht nur für sich ausgibt.

Geld verdirbt den Charakter? Von wegen. Heutzutage formt Geld vielmehr den Charakter. Es bringt Einzelpersonen wie auch Unternehmen dazu, bewusster mit dem Vermögen umzugehen. Moralische Werte rücken plötzlich umso mehr in den Vordergrund.

Geld ist Macht. Je mehr Nullen vor dem Komma stehen, desto größer wird die Anziehungskraft auf die Menschen. Forschungen ergaben gar, dass die Gier steigt, sobald man viel Kapital erwirtschaftet hat. Plötzlich will man einfach immer noch ein bisschen mehr. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. An der Universität von Kalifornien in Berkeley ging das Psychologenteam um Paul Piff dem Phänomen nach. Sie konnten feststellen, dass wohlhabende Personen bei Verhandlungen schneller zur Notlüge greifen. Tatsächlich würde bei reichen Menschen auch die Empathie für Mitbürger abnehmen. Diese Untersuchungen legen nahe, dass das altbekannte Sprichwort stimmt: Geld verdirbt den Charakter. Moralische Bedenken werden für den Profit zur Seite geschoben. Solange die Taschen immer voller werden, läuft also alles rund.

Dennoch wird in der heutigen Zeit der Wunsch der Menschen nach einer Wirtschaftsethik immer lauter. Was zumindest von der Begrifflichkeit nicht zusammenzupassen scheint, soll in der Praxis ineinandergefügt werden. Ethik bedeutet, sich auf moralische Ideale und Sittlichkeit zu berufen. In der Wirtschaft geht es hingegen um Kostenrechnungen, Wechselkurse und Aktionärswerte. Wie passen diese beiden Begriffe nun zusammen, von denen der eine Egoismus, Gewinnstreben und das Kreieren von Ungleichheiten fördert, der andere dieses hingegen gänzlich ablehnt? Die Zauberformel: Es müssen Anreize geschaffen werden. Zu solchen Anreizen zählen die soziale Achtung eines Unternehmens genauso wie der Versuch, einem schlechten Gewissen aus dem Weg zu gehen. Richtig angestellt, ermöglicht eine wirtschaftsethische Handlungsweise also einen gegenseitigen Vorteil.

Überraschende Großzügigkeit Mark Zuckerberg hat sich dafür entschieden, im Laufe seines Lebens 99 Prozent seiner Facebook-Anteile für einen guten Zweck zu spenden.

Business as usual ist nicht zukunftsfähig

Blickt man auf das gesellschaftliche Leben in der Gegenwart und das vor einhundert Jahren, so ist die Veränderung aufgrund der Digitalisierung eklatant. Während früher für den Einzelnen das soziale Umfeld den Wertekanon festlegte, gibt es heute einen Wertepluralismus. Global gesehen gilt es als wichtig, den Frieden sowie den Umweltschutz voranzubringen und auf Nachhaltigkeit zu achten. Reine moralische Intuition genügt somit nicht mehr. Naivität wird ebenso wenig geduldet.

Schauen wir uns Mark Zuckerbergs aktuelle Richtung an. Der Facebook-Gründer gab Ende 2015, zur Geburt seiner ersten Tochter Maxima Chan, bekannt, dass er im Laufe seines Lebens 99 Prozent seiner Anteile an Facebook für einen guten Zweck abtreten will – der Gesamtwert betrug zu diesem Zeitpunkt 45 Milliarden US-Dollar. Konkret formulierte er in einem Manifest das Ziel, das Potenzial der Menschen voranbringen zu wollen und Gleichberechtigung zu fördern. Also ein höchst moralischer Ansatz. Zumindest auf den ersten Blick. Der zweite zeigt, dass er damit sicherlich auch seinen sozialen Status aufhübschen wollte. Der Superreiche wurde im Kinofilm „The Social Network“ (2010) noch als jemand dargestellt, der nichts unversucht lässt, um seine Vision in die Tat umzusetzen. Moralisches Verhalten wie Ehrlichkeit, Anstand und Verlässlichkeit waren bei ihm nicht zu finden. Und nun wird genau dieser Mann in der Realität im UN-Hauptgebäude in New York zum Gipfeltreffen für mehr Nachhaltigkeit eingeladen. Neben Regierungschefs aus aller Welt steht also Zuckerberg auf und erklärt, dass der Zugang zum Internet ein grundlegendes Menschenrecht sei. Für die Vernetzung der Welt möchte er sich nun einsetzen, um so jedem die Chance zu geben, an der modernen Wirtschaft teilzunehmen. Zuckerberg sieht es tatsächlich als seine moralische Verpflichtung an, beispielsweise der indischen Bevölkerung den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Dafür gründete er 2013 internet.org. Der Slogan der Website: „Connecting the world“. Kritiker nennen Zuckerberg überheblich. Dennoch hat er es geschafft, sein Image vom Egomanen zum Gutmenschen mit Gewissen zu ändern.

Ein Mann mit Vision Elon Musk liebt die Menschen. Und genau aus diesem Grund gibt er einen Großteil seines Geldes für eine bessere Zukunft für die Gesellschaft aus.

Gibt es überhaupt so etwas wie Moral?

Glaubt man den Worten des US-Philosophen Thomas Nagel, so ist die Existenz wahrhaftiger Moral fragwürdig. Tun Unternehmer nicht viel mehr etwas ethisch Vertretbares, um auf diese Weise negative Auswirkungen zu vermeiden? Außerdem ist moralisch richtiges oder falsches Handeln immer von der jeweiligen Perspektive abhängig. Dazu muss man nur einmal den gewieften Gründer Elon Musk betrachten. Mit 17 Jahren zog er von Afrika nach Kanada und lebte dort zunächst von einem Dollar am Tag. Mittlerweile ist er mehrfacher Milliardär und einer der reichsten US-Amerikaner. Sein Geld will er nun hauptsächlich nutzen, um die großen Visionen der Menschheit Realität werden zu lassen. Dafür stieg er 2002 in das Raumfahrtgeschäft ein und gründete Space Exploration Technologies Corporation, kurz SpaceX. Er pumpt seitdem eine unglaubliche Menge Geld in das Unterfangen, den Mars kolonisieren zu können. Denn wenn er das mit seinem privaten Raumfahrtunternehmen schafft, hätte er durchschlagend zum multiplanetaren Leben beigetragen. Dem US-Zukunftsforscher Paul Saffo zufolge geht es Musk (wie auch Zuckerberg) dabei nicht darum, noch reicher zu werden. Musk wäre viel mehr nicht mit dem Status quo zufrieden und suche Wege, um dies zu ändern.

Elon Musk sieht das Problem der Überbevölkerung der Erde und arbeitet an einer Lösung. Er entspricht damit ganz dem wirtschaftsethischen Anspruch, nimmt die Verantwortung an und benutzt die existierenden Freiheiten, um auch zukünftig Freiheit für die Gesellschaft zu gewährleisten. Er verwendet seine Ressourcen auf eine moralisch richtige Art und Weise. Doch auch bei ihm sprechen Kritiker vor allem von Größenwahn. Dennoch ist hier nicht erkennbar, ob die These passt, Geld würde den Charakter verderben. Und so etwas wie Moral scheint es tatsächlich zu geben.

Großes Herz Søren Nørgaard hat erfolgreich den Krebs bekämpft. Jetzt möchte er der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Dienst an der Menschheit

Der Däne Søren Nørgaard ist ein weiteres Beispiel für einen Unternehmer, der sein Wertesystem sehr deutlich nach außen trägt. Er ist der Gründer von Care-maker, einer Internetplattform, auf der Menschen aus aller Welt von ihren Nöten und Problemen berichten und um Spenden bitten – zum Beispiel für die Übernahme von ärztlichen Behandlungskosten. Seit der Gründung 2012 haben schon 100.000 Dänen auf Caremaker gespendet. Mit der Expansion in weitere europäische Länder wie Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien können sogar noch mehr Menschen dabei helfen, Gutes zu tun. Nørgaard kam die Start-up-Idee, als er erfolgreich eine Chemotherapie überstanden und damit den Krebs besiegt hatte. Der Schicksalsschlag besiegelte seine Zukunft. Von nun an wollte er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Die Moral kommt bei ihm vor dem Profit. Und damit liegt er auch stark im Trend. Sozialunternehmen erleben derzeit einen Boom. Das liegt vor allem daran, dass es ein Bewusstsein für die rapide Zunahme der Ungleichheit zwischen den Menschen gibt. Diese bedroht, laut dem Wirtschafts-ethikexperten Dr. Ernst von Kimakowitz, sogar unseren sozialen Frieden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er stellt fest: „Die Wirtschaft kann sowohl Teil der Lösung als auch Teil des Problems sein.“ Dennoch sieht auch er, dass man nun nicht aufgrund der Größe der Herausforderungen kapitulieren dürfe. Der Tunnelblick klappt nicht, als Firma sollte man erkennen, dass nichts so gut ist für das Geschäft wie das Angebot funktionierender Problemlösungen.

Eindimensionale Denkweise ade

Aufgrund der Digitalisierung sind moralische Verfehlungen von Unternehmen schneller und deutlicher denn je sichtbar. „Wenn bemerkt wird, dass unethische Entscheidungen ein flächendeckendes Prinzip sind, geht ein Unternehmen pleite oder steuert zumindest in eine Krise“, so von Kimakowitz. „Es reicht doch der gesunde Menschenverstand aus, um zu sehen, dass ein Unternehmen, dessen Führungskräfte Mitarbeitern gegenüber unfair sind, Kunden täuschen und vermeidbare Umweltschäden verursachen, auf Dauer verlieren wird“, sagt der Experte. Er geht sogar noch weiter: „Letztlich gewinnt der ehrbare Kaufmann.“

Um auf dem Markt konkurrieren zu können, sollte man also als Entrepreneur genauso wie als Firmenchef seine wirtschaftsethische Verantwortung annehmen. Und dies geht weit über ein bloßes Bauchgefühl hinaus. Zwar ist der Begriff der Moral weit dehnbar und vielschichtig, dennoch gibt es gewisse Parameter, an die es sich zu halten lohnt. Allein etwas zu tun, weil man die Macht dazu hat, reicht als Begründung nicht aus – da ist sich auch von Kimakowitz sicher. Eine eindimensionale, allein eigennützige Denkweise bringt nicht langfristig weiter. Der zukünftige Unternehmenserfolg wird davon abhängen, Innovationen hervorzubringen, die tatsächlich beim Beheben von sozialen und ökologischen Problemen weltweit helfen können. Wer das ausstrahlt, steht für Sicherheit, Kompetenz und Vertrauen – also für all die Dinge, die aufgrund der beständigen Nachwehen der Finanzkrise ab 2007 immer noch so dringend gesucht werden. Ein aktiver Dialog, eine Teilnahme an dem Leben anderer steht für moralische Integrität 2016 und Geschäftserfolg, bestätigt auch Dr. Ernst von Kimakowitz. Gut dastehen und gut handeln gehen in diesem Punkt Hand in Hand.

Fotos: Andrew Gombert/picture alliance/dpa (Zuckerberg); Hubert Boesl/picture alliance/dpa (Musk); Alexander Höllsberg/Merrild Photography (Nørgaard); Geert Vanden Wijngaert/picture alliance/AP Photo (Gates); Larry W. Smith/dpa (Buffett); picture alliance/dpa (Soros); Uwe Anspach/picture alliance/dpa (Hopp)
Illustrationen: Christian Barthold