Ausgabe 03 2016

Moral „Moralische Abwägungen brauchen Spielraum“

Dr. Ernst von Kimakowitz über Wirtschaftsethik.

Dr. Ernst von Kimakowitz über Wirtschaftsethik.

Herr Dr. von Kimakowitz, wie ist es derzeit um die Moral in der Wirtschaft bestellt?

Wir haben uns von der Sichtweise, dass Wirtschaften eine wertefreie Veranstaltung sei, befreit und erkannt, dass ethisch moralischen Fragen eine zentrale Bedeutung bei wirtschaftlichen Entscheidungen zukommt. Die Einsicht, dass Wirtschaften ohne Werte in die Sackgasse führt, ist heute also vorhanden. Die Tatkraft allerdings muss wachsen, wenn es uns noch besser als bisher gelingen soll, das enorm konstruktive Potenzial der Privatwirtschaft zu einem integrativen Bestandteil der Lösungen unserer Herausforderungen zu machen.

Wie handelt man als Unternehmen heutzutage moralisch richtig?

Man muss sich von dem mentalen Modell befreien, in dem es für Unternehmen nur eine Zielgröße gibt: den finanziellen Gewinn, dessen Maximierung sich alles andere unterzuordnen hat. Moralische Abwägungen brauchen Spielraum. Nur so kann auf andere zugegangen werden. Dafür müssen wir lernen, den Unternehmensgewinn als Mittel zu begreifen und nicht als Selbstzweck.

Was sollte dann das Ziel sein?

Das eigentliche Ziel leitet sich aus dem gesellschaftlichen Mehrwert ab, den Güter und Dienstleistungen schaffen. Unternehmen, die sich dem offen stellen, stehen meist auch finanziell gesund da. Der sogenannte Stakeholder-Dialog, also ein offener Austausch mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen, kann sehr hilfreich sein, um moralisch richtiges und wirtschaftlich erfolgreiches Handeln zu vereinen. Es erfordert Mut, aber Unternehmen können viel gewinnen, wenn sie mit unterschiedlichen Interessensgruppen eine offene und respektvolle Beziehung etablieren. Dabei entstehen Innovationsimpulse, Konfliktkosten sinken und Kollaborationsgewinne steigen.

Muss eine gute Führungsperson auch moralisch gut sein?

Führen heißt für mich, Menschen für eine gemeinsame Sache zu gewinnen und sie nach ihren individuellen Bedürfnissen bei der Erreichung von Zielen zu unterstützen. Dann wachsen Menschen über sich hinaus und mit ihnen der Unternehmenserfolg. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Führungskraft einen gut geeichten Wertekompass hat. Ein gesundes Maß an Pragmatismus ist dabei völlig in Ordnung, die gemeinsame Sache darf aber nicht aus den Augen verloren werden, und dafür braucht es moralische Integrität.

Hat sich das moralische Verhalten von Firmen mit der Zeit geändert?

Wir können zurzeit in der Unternehmensführung eine Rückbesinnung zu einer stärkeren Werteorientierung beobachten. Die Erkenntnis, dass Shareholder-Value ein wünschenswertes Ergebnis ist, dessen Maximierung in sich aber noch keine Unternehmensstrategie sein kann, wird immer mehr zum Mainstream.

Was bringt diese Entwicklung mit sich?

Dies bewirkt, dass Unternehmen vermehrt ihre inneren Stärken suchen. Sie fragen sich: Was hat uns ursprünglich erfolgreich gemacht? Welche Werte teilen wir in unserem Unternehmen und mit der Gesellschaft? Worin besteht der nicht verhandelbare Kern unserer Unternehmensidentität? Diese Fragen lassen sich nur mit einem starken gesellschaftlichen Bezug beantworten, und sie machen nur Sinn, wenn sie ihren Antrieb von gemeinsamen, moralisch begründbaren Zielen erhalten. Moralische Fragen werden also zukünftig wieder mehr Gewicht erhalten.

Wie kann ein Unternehmen eine moralische Handlungsweise fördern?

Indem es diese an der Spitze vorlebt, von jedem einfordert und dann auch sichtbar und spürbar belohnt. Zudem gilt es, ethische Kompetenz im Unternehmen aufzubauen. Führungskräfte brauchen konzeptionelle Klarheit und Sprechfähigkeit zu ethisch-moralischen Fragen, die ihre Unternehmung betreffen. Mehr denn je werden sie souverän und authentisch antworten müssen, um den nachhaltigen Geschäftserfolg zu sichern.

Warum ist Moral für die Wirtschaft so relevant?

Eine gesunde und innovative Wirtschaft braucht Freiräume. Diese kann eine Gesellschaft ihren wirtschaftlichen Akteuren aber nur bieten, wenn sie verantwortlich mit ihr umgehen. Unmoralisch Handelnde missbrauchen die Freiheit, indem sie die Interessen von wenigen über das gesamtgesellschaftliche Interesse an einer nachhaltig wertschöpfenden Wirtschaft stellen.

Wie wirkt sich das aus?

In der Folge reagiert die Politik mit einem engeren regulativen Korsett. Dann stehen auf der einen Seite Unternehmen überbordenden Compliance-Anforderungen gegenüber, und auf der anderen Seite sehen die Regulatoren sich gezwungen, engmaschigere Auflagen zu schaffen. Das verschlingt Zeit, Energie, Geld und bewirkt nur wenig. Gute Regulierung ist wichtig, aber es wäre naiv zu glauben, wir könnten für alle Eventualitäten schon präventiv Antworten bereitstellen. Darum braucht es moralisch integre Unternehmen, deren Führung auch Selbstbeschränkung übt und auf ein Geschäft verzichtet, wenn es stinkt.

Verdirbt Geld den Charakter?

Grundsätzlich nicht. Geld ist ein fantastisches Instrument, um den Tausch von Gütern und Dienstleistungen zu regeln. Wenn eine Gesellschaft oder einzelne Menschen Zeit und Mittel klug investiert haben und auch ein wenig Glück hatten, ist es eine tolle Sache, wenn dies belohnt wird. Offen bleibt nur die Frage, ob alle, die am Erfolg mitgewirkt haben, eine fairen Anteil erhalten. Hier zeigt die empirische Forschung schon, dass Reichtum Rücksichtslosigkeit fördert. Der Mensch neigt dazu, sich über andere zu stellen, wenn er Erfolg hatte. Erfolge werden persönlich verbucht und für Misserfolge finden sich externe Gründe. Das sollte einem bewusst sein, damit man sich ein Stück weit selbst diszipliniert.

Was könnten sonst die Auswirkungen sein?

Die Gefahr, dass man am Ende reich, aber einsam dasteht, ist real, lässt sich aber auch ganz einfach eindämmen. Die wirklich vermögenden Menschen, die ich kennengelernt habe, sind jedenfalls der Ansicht, dass Geld nicht herrschen darf, sondern dienen muss.

Foto: Hannes Thalmann