Ausgabe 3 2015

Grenzen Roberto Azevêdo über eine Wirtschaft ohne Grenzen

Ein Experteninterview mit dem Generaldirektor der Welthandelsorganisation.

Ein Interview mit Roberto Azevêdo, Generaldirektor der Welthandelsorganisation.

Wie ist es derzeit um den Welthandel bestellt – und im Besonderen um die Liberalisierung des Handels?
Die Liberalisierung des Handels, also der Freihandel, war viele Jahrzehnte lang der Schmierstoff, der den Motor der Weltwirtschaft immer schneller und effizienter laufen ließ. Der Freihandel war mitverantwortlich für die lange Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem ist der Export um das 35-Fache gewachsen, und dafür war weitgehend eine Senkung der durchschnittlichen Zölle von rund 40 Prozent auf vier Prozent verantwortlich, die von dem multilateralen Handelssystem ausgehandelt wurde, das heute die Welthandelsorganisation (WTO) ist. Trotzdem fragen sich inzwischen manche, ob die unterstützende Funktion des Handels für das Wirtschaftswachstum allmählich nachlässt.

Warum?
50 Jahre lang stieg das Handelsvolumen nahezu doppelt so stark wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), aber in den vergangenen zehn Jahren ist die Quote gesunken. Dies hat zu der Annahme geführt, dass mit der gnadenlosen Steigerung des Anteils des Handels am BIP (der heute bei rund 30 Prozent liegt) irgendwann Schluss ist. 2015 dürfte das vierte Jahr in Folge mit einem unterdurchschnittlichen Handelswachstum werden. Ein genauerer Blick auf die Ursachen dieser Zahlen zeigt aber, dass die Angst vor einem Nachlassen der stützenden Wirkung des Handels auf die Weltwirtschaft unbegründet ist.

Inwiefern?
Die Veränderung des Handelswachstums gehe auf strukturelle Faktoren zurück, heißt es. So scheint zum Beispiel die schnelle internationale Ausbreitung von Produktionsketten, die in den 90er-Jahren begonnen hat, an Fahrt zu verlieren. Und in ähnlicher Art und Weise setzt auch nach den Steigerungen durch die Ausbreitung des Containertransports und neuer Kommunikationstechnologien eine Stabilisierung ein. Aber diese strukturellen Veränderungen sind nur die halbe Wahrheit. Daneben gibt es auch zyklische Faktoren. Wachstumsschwächen oder Rezessionen in den USA und in der Europäischen Union (EU), die immer noch schwache Konjunktur in Japan und die Abschwächung des Wachstums in Schwellenländern haben die Nachfrage gebremst. Die EU spielt hier eine besonders wichtige Rolle. Sie ist für ein Drittel des Welthandels verantwortlich, aber nur für ein Viertel des globalen BIP. Das heißt, eine Abschwächung in Europa wirkt sich automatisch stärker auf den Handel aus. Möglicherweise haben wir aber auch keinen realistischen Blick auf das Gesamtsystem, weil wir unsere Methoden, den Handel zu erfassen, erneuern müssten. Die WTO arbeitet gemeinsam mit anderen Organisationen daran, die Analyse zu verbessern und dafür zu sorgen, dass wir auch tatsächlich das eigentliche Signal wahrnehmen und nicht nur die Störgeräusche. Vor diesem Hintergrund ist es vorschnell, vom „Höhepunkt des Handels“ oder sogar von einer „Deglobalisierung“ zu sprechen. Aber es gibt noch einen wichtigeren Grund dafür, dass die Angst vor einem Rückgang des Handelswachstums ungerechtfertigt ist, nämlich, dass wir die Entwicklung selbst in der Hand haben.

Das heißt, wir lassen uns von einem Problem beunruhigen, das wir selbst lösen können?
Ja. Seit der Krise von 2008 haben die Politiker alle möglichen Maßnahmen getestet, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln: Die Zinsen sind auf einem historisch niedrigen Niveau, der fiskalpolitische Spielraum ist inzwischen gering, und die quantitative Lockerung ist ebenfalls weitgehend ausgereizt. Was wir noch nicht vollständig ausgelotet haben, ist das Potenzial des Handels als Triebfeder für die weltweite Nachfrage. Einige positive Schritte wurden bereits unternommen. Die Mitglieder der WTO haben bei unserer neunten Ministerkonferenz in Bali 2013 eine historische Vereinbarung getroffen, die die Handelskosten drastisch senken und eine wirtschaftliche Stütze von bis zu einer Billion US-Dollar jährlich bringen wird. Die Verhandlungspartner arbeiten außerdem daran, das Informationstechnologieabkommen der WTO auszuweiten und den Handel mit Umweltgütern zu liberalisieren; und viele Länder verfolgen regionale Handelsabkommen.

Wird das ausreichen?
Wir müssen ehrgeiziger sein. Das letzte große weltweite Handelsabkommen ist inzwischen 20 Jahre alt. Vereinbarungen auf globaler Ebene bringen weit mehr als andere Ansätze. Statt die bestehenden Handelsverbindungen einfach zu vertiefen, ermöglichen multilaterale Reformen den Aufbau neuer Beziehungen. Außerdem gibt es Belege dafür, dass eine faire und fortschreitende Eingliederung von Entwicklungsländern in die Weltwirtschaft der beste Weg ist, die Entwicklung zu fördern und den Beitrag des Handels zum globalen Wachstum zu stärken. Trotzdem leben wir noch von den Reformen, die von der Generation vor uns durchgeführt wurden. Neue Handelsabkommen für Agrarprodukte, Industriegüter und Dienstleistungen könnten die geschäftlichen Hürden senken, langjährige Verzerrungen im Handelssystem erheblich reduzieren und dadurch Wachstum und Entwicklung in aller Welt fördern.

Was ist der nächste Schritt?
Das Bali-Abkommen der WTO hat unseren breiter angelegten globalen Handelsgesprächen zusätzliche Dynamik verliehen. Unser nächstes großes Verhandlungstreffen findet im Dezember in Nairobi statt. Es ist das erste Mal, dass so ein Treffen in Afrika abgehalten wird. Es ist an der Zeit zu handeln. Statt als reine Beobachter davon zu reden, dass der Handel das Wachstum ankurbeln kann, sollten wir erkennen, dass wir die Kontrolle übernehmen können – und dass dies die politische Lösung sein könnte, nach der wir schon so lange suchen.

Fotos: World Trade Organization