Ausgabe 02 2016

Provokation #TeenRebellion

Erst Jugendkultur, dann Einnahmequelle für Unternehmen.

Jugendkultur gilt als revolutionär, widerspenstig und rebellisch. Sie lehnt sich gegen die Generation davor auf. Doch es dauert nicht lange, bis der frische Trend eine neue Norm schafft – und eine Einnahmequelle für Unternehmen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine der beiden Töchter von US-Präsident Barack Obama. Einen respektableren Vater kann man sich kaum vorstellen. Doch bei der traditionellen Truthahn-Begnadigung an Thanksgiving 2014 zeigten sich Sasha und Malia, damals 13 und 16 Jahre alt, betont gelangweilt – eben wie zwei Teenager, die keine Lust haben, bei einem öffentlichen Auftritt ihres Vaters brav danebenzustehen und zu lächeln. Die beiden haben sehr schön demonstriert, wie Geringschätzung von Teenagern aussieht. Wir kennen das doch alle: Jugendliche rebellieren gegen die Erwartungen der Familie und der Gesellschaft. Das ist nichts Neues. Sie versuchen ständig, sich von den Erwartungen zu lösen, die an sie gestellt werden, und bilden dabei ihre Identität und Persönlichkeit aus. Sie reizen die Grenzen aus, die Eltern und andere Autoritäten ihnen setzen, und testen, wie weit sie gehen können und wie sie die gewünschte Reaktion provozieren können.

Der Psychologe Laurence Steinberg von der Temple University in den USA will über eine Untersuchung der Verhaltensmuster von Teenagern mehr über Sinn und Zweck der provozierenden Art dieser Altersgruppe herausfinden. Seine Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Gehirn in diesem Alter vor Vitalität und Kraft strotzt, logisches Denken, Abwägen und Urteilen aber schwach ausgeprägt sind. Diese Mischung und die fehlende Reife machen Jugendliche emotional labil und lassen sie impulsiv sein, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Teenager sind aber auch anfälliger für Stress und Gruppendruck und reagieren darauf automatisch, unmittelbar und ohne Hemmung, womit sie Ältere oft zur Weißglut treiben.

Die gute alte Zeit

Die erste Massenrebellion fand in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Damals begannen die Kinder aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, die „Depression Babies“, ihren eigenen Stil auszubilden und sprachen erstmals umgangssprachlich vom „Teenager“. Noch nie zuvor hatte diese Altersgruppe ein Selbstbild, eine eigene Präsenz und eigenes Geld in der Tasche. Die jungen Individualisten hörten und tanzten Rock ‘n‘ Roll, und die älteren Generationen waren schockiert, dass in Songs wie „Love for Sale“ von Billie Holiday offen mit Anspielungen auf Sex und Drogen gearbeitet wurde. Erwachsene, die eine Zunahme der Kriminalität befürchteten, wollten diese Art der Musik verbieten, hatten aber wenig Erfolg. Von den Plattenfirmen hatten sie am wenigsten Unterstützung zu erhoffen. Die freuten sich nämlich über eine prächtige neue Einnahmequelle: Ende der 50er-Jahre verkaufte die Musikindustrie jährlich Platten im Wert von mehr als 75 Millionen US-Dollar.

Teenage Punks

Die Jugend der 70er schockierte die Älteren mit dem neuen Punkrocktrend. Sie betonte nicht mehr ihre Unabhängigkeit, sondern lehnte sich gegen den gängigen Materialismus und die Konsumgesellschaft auf. Vom Punkrock getrieben, provozierten die Jugendlichen mit zerzausten Frisuren, grober schwarzer Kleidung, Piercings und rauen Sprüchen. Punkmode beschäftigte sich oft mit politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Problemen und wollte bewusst Abneigung erzeugen. Aber auch Punk zahlt sich aus: John Lydon, ein früherer Frontmann der Sex Pistols, hat heute nach Zahlen von „Music Times“ ein Vermögen von 15 Millionen US-Dollar.

Heute sind es die „individuellen“ Hipster, die sich mit ihrer Ironie, ihrer Ablehnung des Mainstreams und ihrer Retroversessenheit die Abneigung der Gesellschaft verdienen wollen. Ein Revival der nicht zusammenpassenden Klamotten und übergroßen Pullis der grellen 90er und des Hippiestils der 80er haben die modernen antikonformistischen Hipster hervorgebracht. Ihr auf einfach getrimmter Shabby Chic provoziert viele, weil er zum Teil ein respektloses und beleidigendes Bild von jungen Reichen evoziert, die aus dem Elend von Armen und Obdachlosen eine Mode machen. Der ultimative Vorwurf, der den heutigen Jugendlichen gemacht wird, lautet aber, dass sie gar keinen Grund mehr haben, zu provozieren. Heute ist alles viel offener und liberaler. Drogen und Alkohol sind nicht mehr so tabuisiert wie früher und deshalb weniger interessant. Das Schlimmste vom Schlimmen wurde längst gefilmt und gedruckt. Der Teenager von heute ist ein „Rebel Without a Cause“ wie das James-Dean-Jugenddrama „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ im Original heißt.

Fotos: Walter Michot/Reuters; Fotolia (Wasser)