Ausgabe 3 2015

Ein Spaziergang durch die grünen Alleen und weiten Felder gleicht dem durch eine Märchenwelt. Über 160 Kilometer ziehen diese schönen Wanderwege einen Kreis um Westberlin. Doch hinter der Bilderbuchidylle verbirgt sich eine dunkle Vergangenheit.

Im Jahr 1961 errichtete die Deutsche Demokratische Republik (DDR) eine Mauer entlang der westdeutschen Grenze, was zur Einzäunung Westberlins führte. Westberlin wurde damit zu einer isolierten kapitalistischen Insel im sonst kommunistischen Osten. Nach dem Mauerfall 1989 sind nicht viele Überreste der Mauer geblieben, nur die Denkmäler der vielen Flüchtlinge erinnern an eine schlimme Vergangenheit. Diese Denkmäler sind Teil des Mauerweg-Projektes, einem 160 Kilometer langen Wanderweg, der die exakte Route der ehemaligen Berliner Mauer einnimmt.

Das Denkmal für Herbert Kiebler

Herbert Kiebler war einer von mindestens 136 Menschen, die an der Mauer umkamen. Nicht weit von der oben abgebildeten Stelle in Berlin-Lichtenrade versteckt sich das Denkmal des damals 23-Jährigen. Nachdem er abends mit seinen Freunden und Kollegen ausgegangen war, wurde Kieblers früh am 27. Juni 1975 von zwei Grenzbeamten erschossen. Vor seiner Flucht hinterließ er seiner Familie einen Abschiedsbrief: „Auf Wiedersehen im Knast oder in Westdeutschland. Liebe Mutti, wenn ich sterben sollte, dann wünsche ich dir viel Glück.“

Als Kiebler sich einige Stunden später, immer noch unter dem Einfluss von Alkohol, kriechend der Grenze näherte, löste er einen Alarm aus. Kurz darauf fanden ihn zwei Grenzbeamte, die ihn in Arm, Brust und Kopf schossen. Kiebler starb auf der Stelle, und seine Leiche wurde sofort entfernt.

Verschleiert und vertuscht

Den Vorfall verschwieg man zunächst und damit keine Informationen an die Öffentlichkeit gerieten, wurde jegliche Post der beteiligten Grenzbeamten kontrolliert. Der offizielle Bericht wurde eine Woche später, am 3. Juli, freigegeben. In dieser Version soll Kiebler in einen nahe gelegenen Wald gegangen sein und sich dort mit einem Messer erstochen haben. Das Ganze wurde durch eine gefälschte Aussage eines Försters unterstützt. Da Kiebler vor seinem Verschwinden aber von der Flucht gesprochen hatte, fiel es seiner Familie äußerst schwer, dem Bericht zu glauben. Als sie nicht einmal seine Leiche besichtigen durfte, wurde sie noch misstrauischer. Am Abend seiner Beerdigung gelang es seiner Familie, den Sarg aufzubrechen und den wahren Zustand der Leiche zu Gesicht zu bekommen.

Der Fall wurde erst in den 90er-Jahren aufgeklärt, und man verurteilte die beiden Grenzbeamten zu Bewährungsstrafen von 15 und 24 Monaten.

Heute ist Kiebler gemeinsam mit 28 anderen Grenzopfern, in der friedvollen Umgebung des Mauerweges verewigt. Glücklicherweise trennt sie nicht mehr eine materielle Grenze von der Öffentlichkeit – nur die Grenze der Zeit.