Ausgabe 1 2015

Reputation Vertrauen ist gut, Auskunft ist besser

Auskunfteien haben eine schlechte Reputation: Sie gelten als intransparent und nicht vertrauenswürdig. Doch für die Wirtschaft sind sie unabdingbar.

Auskunfteien haben eine schlechte Reputation: Sie gelten als intransparent und nicht vertrauenswürdig. Doch für die Wirtschaft sind sie unabdingbar.

Der gläserne Mensch und die wachsende Macht von Auskunfteien sind ein kontrovers diskutiertes Thema. Der Hauptkritikpunkt: Auskunfteien bedienen sich immer neuer Datenquellen und intransparenter Scoringverfahren. Öffentlich diskutiert wird vor allem die Annahme, dass es die Auskunfteien seien, die entscheiden, ob der Verbraucher einen Vertrag abschließen oder einen Kredit erhalten kann. Letztendlich tragen Auskunfteien aber nur zur Einschätzung und Bewertung der Risiken bei, die Entscheidung treffen andere.

Wer vor 30 Jahren einen neuen Fernseher kaufen wollte, ging in ein Fachgeschäft, ließ sich von einem Verkäufer beraten und nahm das Gerät anschließend mit nach Hause. Heute surfen wir durchs Internet, tätigen ein paar Klicks und der neue Fernseher wird zu uns nach Hause geliefert. Dass sich Verkäufer und Käufer persönlich treffen oder überhaupt miteinander sprechen, ist nur noch selten der Fall. So entsteht eine Anonymität zwischen Verkäufer und Käufer, die per se zu einem Informationsdefizit und eventuell auch einem Vertrauensverlust führt. Denn wer versendet schon gern Ware an einen Käufer, den er nicht kennt? Und das auch noch, ohne zu wissen, ob dieser die Ware auch wirklich bezahlen wird. Das skeptische Verhalten des Verkäufers spiegelt eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften wider: das Bedürfnis nach Sicherheit. Die Lücke zwischen Anonymität und Unsicherheit versuchen Auskunfteien zu schließen, indem sie mithilfe eines Kreditscorings die Zahlungswahrscheinlichkeit des Käufers prognostizieren.

Aufgrund der Einschätzungen von Auskunfteien kann der Verkäufer entscheiden, ob er dem ihm unbekannten Käufer seine Ware vor der Bezahlung aushändigen möchte. Auskunfteien fungieren also als Vermittler zwischen Verkäufer und Käufer bzw. Kreditgeber und Kreditnehmer.

Konsumenten Kreditvolumen pro Kopf im Jahr 2012

Vertrauen bilden

Wie wichtig diese vertrauensbildende Funktion von Auskunfteien ist, zeigen unterschiedliche Studien. So kommt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zu folgenden Ergebnissen: „Die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen des organisierten Austausches von Informationen, die auf die Erfüllungswahrscheinlichkeit von Geld- und Warenkrediten schließen lassen, sowie die Verdichtung dieser Informationen zu Credit Scores bestätigen signifikante und ökonomisch bedeutsame Zusammenhänge.“ Die ZEW-Studie kommt zu dem Resultat, dass sich die positiven Zusammenhänge auf alle Arten von Kreditbeziehungen – sowohl Geld- als auch Warenkredite – anwenden lassen. Kreditscoring hat demnach in sämtlichen Industrieländern durchweg positive wirtschaftliche Effekte.

Allein in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, den drei größten Volkswirtschaften der Europäischen Union, werden jeweils sechs bis zehn Prozent des kompletten Bruttoinlandsprodukts über Konsumentenkredite finanziert, die ohne eine verlässliche Prognose von Zahlungsausfallrisiken nicht denkbar wären. Deloitte kommt zu der Feststellung, dass ohne das Kreditscoring von Auskunfteien die Konsumentenkredite um mindestens 19 Prozent zurückgehen würden.

Dabei betrug 2013 laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) allein in Deutschland das Kreditvolumen an Privatpersonen 233 Milliarden Euro. Davon entfielen 147 Milliarden Euro, rund 63 Prozent, auf Ratenkredite. Kurzkreditähnliche Finanzierungen im Onlinehandel wie der Lastschrifteinzug oder der Kauf auf Rechnung wurden in der Statistik nicht berücksichtigt.

Wie wichtig Auskunfteien für den Onlinemarkt sind, zeigt die jüngste ForresterStudie „European Online Retail Forecast: 2012 to 2017“. Hier wurde in 22 Kategorien des täglichen Lebens das Wachstumspotenzial in Europa geschätzt. Die Prognose der Studie: In Europa wird das Onlinegeschäft von 111 Milliarden Euro im Jahr 2011 auf 191 Milliarden Euro im Jahr 2017 steigen. 2013 entfielen allein rund 50 Milliarden Euro auf Deutschland, wo der Kauf auf Rechnung mit 19 Milliarden Euro den größten Teil der Zahlarten ausmacht. In der vorherigen Studie „European Online Retail Forecast: 2011 to 2016“ verdeutlichte Forrester die wachsende Bedeutung des Onlinehandels bezogen auf das Nutzungsverhalten (siehe oben).

In einer immer digitaler werdenden Welt mit einem steigenden Anteil an Onlinegeschäften unterstützen Auskunfteien die Verkäufer darin, dem Käufer eine möglichst umfangreiche Auswahl an Zahlungsarten anzubieten. Der Käufer kann die für sich bequemste und beste Zahlungsmethode auswählen, ohne dass der Verkäufer die Risiken eines Zahlungsausfalls fürchten muss.

Steigender Anteil der Onlineshopper prozentual zur Bevölkerung in den wichtigsten Volkswirtschaften Europas

Europaweite Regulierungen

Auskunfteien ermöglichen in Europa durch ihre vertrauensbildende Funktion mit rund zwei Milliarden Bonitätsanfragen pro Jahr, dass der private Konsum sowie die Kreditinanspruchnahme weitgehend reibungslos abgewickelt werden. Sie übernehmen damit eine doppelte Schutzfunktion: Zum einen schützen sie Unternehmen vor Zahlungsausfällen. Zum anderen bewahren sie die Konsumenten vor Überschuldung.

Die Europäische Union (EU) plant mit der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung Regelungen für die Verarbeitung von personenbezogenen Daten durch private Unternehmen EU-weit einheitlich zu regeln. Der Fokus liegt unter anderem auf Profiling im Sinne der Analyse von Verhaltensmustern von Verbrauchern im Internet und bei der Nutzung von mobilen internetfähigen Endgeräten. Mit dem Ziel, die Privatsphäre und die Persönlichkeitsrechte des Verbrauchers zu schützen, wird vor allem mit Blick auf die immer stärker werdende Datensammlung und -nutzung sozialer Netzwerke zu Marketingzwecken gefordert, dass ohne die Zustimmung von Konsumenten keine Profilbildung mehr erfolgen darf.

Diese Verordnung ist aus zwei Gründen eine Herausforderung. Zum einen, weil eine EU-Verordnung ohne Modifizierung eins zu eins in geltendes nationales Recht übertragen wird. Und zum anderen, weil die Verordnung in ihrer jetzigen Form den Auskunfteien als Dienstleister für Unternehmen jegliche Rechtsgrundlage für ihre Tätigkeit nehmen würde. Beim Thema zweckgebundene Datenweiterverarbeitung wird dies deutlich: So könnte ein Verbraucher der Verarbeitung seiner Daten für den Kauf eines Fernsehers beim Warengeber zustimmen, aber der Weitergabe der Daten an Auskunfteien explizit widersprechen. Ebenso betrifft die Rechtsgrundlage das Profiling. Hier unterscheidet die Verordnung nicht zwischen Profiling und Kreditscoring. Auskunfteien prognostizieren die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsverhaltens auf Basis der gespeicherten oder generierten Daten, die nicht aus dem im Internet gezeigten Nutzungsverhalten des Verbrauchers stammen und damit nicht die Privatsphäre verletzen, sondern die Schutzfunktion sowohl der Gläubiger als auch der Schuldner stärken.

Mittlerweile gibt es einen intensiven Dialog zwischen Verbraucherverbänden, Wirtschaft und Politik, bevor der Trilog zum Verordnungsgebungsverfahren noch im Jahr 2015 starten soll.

Foto: Friederike Göckeler Infografik Quelle: Thomson Financial Datastream, nationale Statistikämter, Berechnungen des ZEW, Forrester Research (Inc)