Ausgabe 03 2016

Moral „Viele Menschen wollen nur das Gesetz brechen“

Frank M. Ahearn erklärt, wie man am besten untertaucht.

Frank M. Ahearn kennt sich mit moralischen Zwielichtigkeiten aus. Der US-Amerikaner ist Privacy Consultant, er hilft Menschen unterzutauchen. Zuvor machte er 20 Jahre als Skip Tracer für FBI und Presse Personen ausfindig. Im Interview spricht er über Verhaltensmuster von Stalkern, Paranoia und unsichtbare Menschen.

Herr Ahearn, sind Sie im Internet schwer zu finden?

Ja, ich bin sehr diskret, wenn es darum geht, Informationen über mich preiszugeben. Und ich füttere keine Social-Media-Kanäle. Man kann nur Medieninformationen über mich finden. Aber man wird niemals herauskriegen, wo ich wohne und wie man mich kontaktieren kann.

Ihre erste Karriere war darauf ausgelegt, Menschen aufzuspüren, die nicht gefunden werden wollten. Jetzt helfen Sie Menschen zu verschwinden. Wie kam es dazu?

Das Skip-Tracing-Business hat sich durch die Verschärfung des Datenschutzes verändert. Vorher war es viel aufregender und auch viel leichter. Ich konnte eine Person suchen und lokalisieren, indem ich nach ihren Handyaktivitäten, Banken, Fluglinien und anderen Kooperationen suchte, die Kundeninformationen enthalten. Aber dann wurde das den Regierungen dieser Welt bewusst und sie veränderten die Gesetze. Wenn ich weiter in dem Berufsfeld tätig geblieben wäre, hätte das mit Sicherheit in jeder Menge Ärger geendet. Der neue Job war dann einfach eine Chance.

Haben Sie sich für diesen zweiten Karriereweg entschieden, weil sie Gewissensbisse bekamen?

Ich hatte nur sehr selten das Gefühl, etwas moralisch Verwerfliches zu tun. Wenn mich jemand beauftragte, einen Menschen ausfindig zu machen, dann gab es in der Regel einen legitimen Grund dafür. Es konnte sich um eine verschwundene Person, eine verlorene Liebe oder auch um das Aufspüren eines Schuldners oder eines Vermögens handeln.

Welchen Stellenwert nimmt moralisches Handeln in Ihrem Berufsleben ein?

Persönlich folge ich dem Grundsatz: verletze niemanden. Ich würde nie das Leben eines Menschen in Gefahr bringen wollen. Und tatsächlich sage ich 99 Prozent der Fälle ab, die an mich herangetragen werden. Viele Menschen wollen nur das Gesetz brechen. Da mache ich aber nicht mit. Ich will nicht meine Freiheit aufs Spiel setzen.

Schauen wir auf das eine Prozent: Wieso kommen diese Leute zu Ihnen? Was ist der Grund, weshalb sie verschwinden möchten?

Es lässt sich immer auf einen von drei Gründen zurückführen. Entweder es geht um Gewalt, um Geld oder um Information. Die Menschen, die zu mir kommen, sind extrem verzweifelt. Sie melden sich nur bei mir, wenn alle anderen Optionen fehlgeschlagen sind und sie sich sonst gar nicht mehr helfen können. Aber keiner denkt vorher von sich, dass er mal untertauchen müsste. Allein der Gedanke daran kann ziemlich beängstigend sein.

Sie bringen Menschen bei, zu virtual entities zu werden. Was genau bedeutet das?

Eine Virtual Entity ist jemand, der keine Verbindung zu irgendetwas Physischem hat. Kein Haus, kein Business, kein Auto, keine Kreditkarte, kein Telefon. Sie besitzen einfach nichts in ihrem Namen, sodass sie auch mit nichts in Verbindung gebracht werden können.

Aber das ist schon eine ziemlich einsame Lebensweise, oder?

Es ist wirklich sehr einsam, wenn man untertaucht. Da ist auch viel Paranoia im Spiel. Man denkt immer darüber nach, wer als Nächstes um die Ecke kommen und einen erkennen könnte. Allerdings ist es so besser, als von einem Stalker umgebracht oder von jemandem stark in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Beim Verschwinden geht es um Freiheit.

Wenn Sie einer Person dabei helfen unterzutauchen, verteilen Sie überall Falschinformationen über sie. Wie weit gehen Sie dabei?

Fehlinformationen sollen auf die falsche Fährte bringen. Aber wie weit man dabei geht, hängt ganz davon ab, wer nach einem sucht. Da gibt es keine festgelegte Vorgehensweise. Es ist noch nicht einmal wichtig, ob die Fehlinformation glaubhaft ist. Viel wichtiger ist es, dass die Person, die nach einem sucht, diese Information leicht finden kann. Ich nenne diese Menschen übrigens Jäger.

Wie gehen Sie dabei vor?

Zum Beispiel könnte ich eine Twitter-Seite bauen und dort darüber etwas posten, dass ich gerade mit der Person, die es zu beschützen gilt, in einer Bar in Lissabon bin. Ich werde auch mehrere Facebook-Accounts kreieren, und bei einem werde ich ein Foto von dem Restaurant in Lissabon veröffentlichen und sagen, dass wir ein tolles Essen dort hatten. Der Jäger wird zwar kein Foto von der Person sehen, die er sucht, aber er muss trotzdem davon wissen. Die Neugier ist eine Sucht bei diesen Menschen. Sie werden auch die Information genau hinterfragen. Ist sie echt oder nicht? Dieser Gedanke wird sie nicht mehr loslassen, und sie werden viel Zeit, Geld und Energie darauf verwenden, um das zu überprüfen – ganz egal, wie real oder gefakt es zunächst erscheint.

Das klingt so, als hätten Sie schon viele extreme Situationen erlebt. Aber was war denn der außergewöhnlichste Job, an den Sie sich erinnern?

Da muss ich an „Love Coast“ denken. Ich gebe meinen Klienten immer Spitznamen. Jedenfalls hatte sie solche Angst vor ihrem extrem gewalttätigen und sehr wohlhabenden Ehemann, dass sie nicht an einem Ort bleiben wollte. Je mehr Geld ein Jäger hat, desto gefährlicher wird das Ganze. Also hielt ich sie in Bewegung. Es war fast so, als würde sie in Echtzeit verschwinden.

Worin bestand Ihre Aufgabe?

Ich erschuf konstant neue Informationen über sie. Das war fast wie in einem Onlinespiel und irgendwie sehr seltsam. Beispielsweise erstellte ich auf einem Prepaid-Handy ein Tinder-Profil für sie. Ich ließ das Mobiltelefon in einer Gegend fallen, in der ein Durchreisender das Telefon finden würde. Dann postete ich ihr Foto auf einem Twitter-Account und tat so, als hätte ich sie auf Tinder kennengelernt und dann für ein Abendessen getroffen. Teil des Tricks war es, dass es so wirkte, als würde diese Spur von einer dritten Person stammen.

Das erscheint mir alles sehr aufwendig. Wie lange brauchen Sie in der Regel, um eine Person komplett zu verstecken?

Das kommt ganz darauf an, wie viel Geld man hat und um welches Problem es sich handelt. Es kann einen Monat oder auch sechs dauern. Wenn es sich um ein Problem mit Gewalt handelt, geht es sehr schnell. Denn da muss die Person nur aus der Situation herausgenommen werden. Dann bringt man sie übergangsweise an einem geheimen Ort unter und macht sich danach nur noch Gedanken darüber, wo sie langfristig bleiben kann.

Ihr Wissen testeten Sie zuerst 2001 an einem Whistleblower. Aber wie genau lernten Sie ihn kennen?

Ich traf ihn in einem Buchladen. Er kaufte dort drei Bücher. Eines über Privatsphäre, eines über Offshorebanking und eines über das Umziehen nach Costa Rica. Er bezahlte mit einer Kreditkarte, was die ultimative Todsünde ist, wenn es um Privatsphäre geht. Ich fing eine Unterhaltung mit ihm an, und schließlich offenbarte er mir, dass er ein Whistleblower sei, und fragte mich, ob ich ihm helfen könnte, zu verschwinden. Ich ließ es so aussehen, als sei er nach Lima in Peru gezogen, während er sich eigentlich in die Karibik absetzte.

Halten Sie zu manchen Klienten noch Kontakt? Wissen Sie, inwiefern Ihr Einsatz das Leben des Menschen verändert hat?

Für mich ist das so: Wenn man einmal getrennter Wege geht, kann man mich zwar noch ein bisschen kontaktieren, aber im Großen und Ganzen ist man auf sich gestellt. Aber manche haben den Kontakt zu mir länger gehalten, vor allem, weil sie sehr paranoid sind. Sie sagen, jemand hätte sie komisch angeschaut oder sie würden ständig ein bestimmtes Auto sehen. Ich muss sie dann beruhigen und ihnen vermitteln, dass nun alles in Ordnung gehen wird.

Würden Sie sagen, dass Ihre Arbeit auch Sie ein bisschen paranoid gemacht hat?

Ich bin sehr, sehr paranoid. Insbesondere wenn ich zum ersten Mal einen Klienten treffe. Ich habe nämlich eine Theorie. Und die besagt, dass jeder ein Polizist, ein Krimineller oder ein Verrückter ist, so lange er nicht das Gegenteil beweisen kann. Also gehe ich beim ersten Gespräch sehr vorsichtig vor. Ich weiß ja nicht, wer er ist und was er will.

Überträgt sich diese Herangehensweise auch auf Ihren Alltag? Können Sie den überhaupt normal gestalten?

Ich habe ein ziemlich normales Leben. Eine Frau, einen Hund und die meiste Zeit verbringe ich arbeitend in Cafés.

Fotos: Nikita Teryoshin