Ausgabe 1 2014

Biografien mit überraschenden Wendungen

Jede Geschichte hat zwei Seiten

Guillaume Cortot brach ein Tabu: Nach acht Jahren bei im Umweltschutz aktiven Nichtregierungsorganisationen wechselte der Franzose 2012 die Seiten und ging zum schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Er wollte bei der damaligen Ausschreibung von Wasserkraftkonzessionen in Frankreich realistische Win-win-Lösungen entwickeln und seine große Erfahrung mit den Umweltschutzaspekten von Staudammprojekten und im Bereich Fischwanderung einbringen. Die französische Regierung hat das Ausschreibungsverfahren übrigens 2014 gestoppt. „Umweltschutz hat nichts mit Konfrontation zu tun. Wenn er Erfolg haben soll, erfordert er von allen Parteien Kooperation, Kompetenz und Verständnis“, sagt Cortot. Nachdem Vattenfall 2013 seine franzö­­sische Niederlassung geschlossen hatte, wechselte Cortot zu CDC Biodiversité, einer Tochtergesellschaft der Bank Caisse des Dépôts, wo er jetzt ökologische Kompensationsprojekte verantwortet. Solche Maßnahmen, sagt Cortot, seien im Interesse der Allgemeinheit, sorgten sie doch dafür, dass durch die nötigen Baumaßnahmen keine natürlichen Lebensräume verloren gehen – selbst wenn sich nicht jedes Ökosystem ersetzen lasse, wie er einräumt.

Über Irrwege zum Ziel

Tom Diesbrock weiß, was Veränderungen sind. Beruflich gibt es nicht viel, das er noch nicht ausprobiert hat. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium stieg er ins Popmusikgeschäft ein, übte soziale Tätigkeiten aus und landete irgendwann in einer Anstellung als Fotoredakteur. Doch erst als er die Psychologie für sich entdeckte, konnte er seine latente berufliche Unzufriedenheit abschütteln. Dass es so lange gedauert hat, bis er seine Berufung fand, liegt vor allem an der Angst vor noch weiteren Veränderungen und am Relativieren von Sorgen. Heute rät er seinen Klienten: „Sie müssen sich und Ihre berufliche Unzufriedenheit ernst nehmen.“
Im Lauf der Jahre hat er seine Erfahrungen in vier Büchern niedergeschrieben. 2014 schlug er auch als Autor einen neuen Weg ein und schrieb ein Buch, das nichts mit seinen beruflichen Erfahrungen zu tun hat, sondern mit Liebe: In „Jacobs Weg“ beschreibt Diesbrock, wie er seinen Hund 2013 von Indien nach Hamburg holte und welche Schwierigkeiten die beiden dabei überwinden mussten.

Ein süßes Unternehmen

Für die Finanzbranche war 2008 ein schlimmes Jahr, für eine britische Bankerin war es eine Chance. Nach mehr als fünfeinhalb Jahren im Investmentbanking, zuerst bei Barclays, dann bei der isländischen Kaupthing Bank, wurde Robin Green vor die Tür gesetzt. Eigentlich ein unschönes Schicksal, aber für Green war es der nötige Impuls, ihre Energie, ihre Abfindung und ihre Kreativität ins Kuchenbacken zu investieren. Sie begann in ihrer Wohnung, baute sich einen Kundenstamm auf und wollte dann expandieren. 2010 konnte sie eine angeschlagene Konditorei im Londoner Stadtteil Wimbledon übernehmen. Dort entwirft sie jetzt Torten und Kuchen für Geburtstage und Kinderfeste, die rund 80 Prozent ihres Umsatzes ausmachen. Ein weiteres Fünftel bringen Hochzeitstorten.
Nachdem sie in den ersten Jahren sehr viel Zeit und Geld investiert hat, wird sie jetzt mit einem tollen Job belohnt, in dem sie den Geschäftssinn aus ihrer ersten Karriere mit ihrer Leidenschaft verbinden kann – und obendrein hat sie nun die Flexibilität, sich um ihre junge Familie zu kümmern.

Weitere Informationen: www.cakesbyrobin.co.uk

Abenteurer auf hoher See

Als der Österreicher David Eitzinger eines Tages an seinem Schreibtisch über den Finanzierungsplan für seine Wohnung grübelte, wurde ihm schlagartig bewusst, wie weit er sich doch von dem Leben entfernt hatte, das er und seine argentinische Frau Gui sich einmal vorgestellt hatten. Erschreckend, fand er, griff zum Hörer und ließ gemeinsam mit seiner Frau eine Idee wiederaufleben, die sie eigentlich schon als utopisch verworfen hatten: als junge Familie um die Welt zu segeln. Genau das taten sie dann aber und verbrachten drei fantastische Jahre auf See.
Die besten Törns hielten der Südpazifik und Französisch-Polynesien für sie bereit. Allerdings erlebten sie dort nicht nur die schönsten, sondern auch die schlimmsten Momente: von Situationen, in denen sie um ihr Leben fürchteten, und einem Schiffbruch in Tetiaroa bis hin zu Schnorchelgängen mit Walen, der Erfahrung, jeden Tag sein Essen selbst zu fangen, und dem Erlebnis, den blumigen Duft der Marquesasinseln in der Nase zu haben, noch bevor man überhaupt Land sieht. Bei den Galapagosinseln wabere eher ein erdiger Duft übers Meer, sagt Eitzinger.
Seit Kurzem ist die Familie wieder zurück in Berlin, wo ganz andere Abenteuer anstehen: Schule für die Kinder, die inzwischen sechs und acht Jahre alt sind, und für die Eltern Jobs, mit denen sie sich identifizieren können.

Weitere Informationen: www.loslocos.org

Buchtipp

Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!

Wie Sie sich die innere Freiheit nehmen, beruflich umzusatteln. Von Tom Diesbrock. Campus Verlag, 15,99 €

Fotos: von oben: Elodie Ratsimbazafy, Tom Diesbrock, Maria De Faci Photography www.mariadefaci.com, David Eitzinger