Ausgabe 3 2015

Grenzen Wirtschaft ohne Grenzen?

Zwischen Protektionismus und Freihandel: Handelsschranken werden weltweit abgebaut, aber der freie Handel habe auch seine Tücken, sagen Kritiker.

Grenzen sind lästig. Für Reisende sind Kontrollen, das Geldwechseln, Ein- und Ausfuhrverbote oder Zölle nur vorübergehende Ärgernisse, für Unternehmen dagegen ein ständiger Hemmschuh. Deshalb werden Handelsschranken weltweit abgebaut. Der freie Handel habe jedoch auch seine Tücken, sagen Kritiker.

Jeder grenzüberschreitende Austausch von Waren und Dienstleistungen unterliegt einer Vielzahl von Beschränkungen, dabei wird zwischen „tarifären“ und „nicht tarifären“ Handelshemmnissen unterschieden. Tarifäre Barrieren sind Zölle und Subventionen, die Liste nicht tarifärer Beschränkungen ist viel länger. Sie umfasst technische und rechtliche Vorschriften, etwa zu Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards, Ein- und Ausfuhrverbote oder -quoten, Steuern und Abgaben sowie Verpackungs- und Bezeichnungsvorschriften.

Hinzu kommen Sanktionen, Embargos oder Kapitalverkehrskontrollen. Dabei handelt es sich um Straf- oder Schutzmaßnahmen, die darauf abzielen, Länder zum Einlenken in Krisenfällen zu bewegen (wie etwa Russland im Ukraine-Konflikt), sie an der Entwicklung gefährlicher Technologien zu hindern (wie den Iran oder Nordkorea) oder, im Falle von Kapitalverkehrskontrollen und Beschränkungen beim Börsenhandel, die Finanzmärkte vor dem Zusammenbruch zu schützen. Die Finanzkrise und der jüngste Aktiencrash in China liefern gute Beispiele. Manchmal sollen auch Geldabflüsse gestoppt werden, um eine Volkswirtschaft vor dem Ausbluten zu schützen. Die Griechen könnten ein Lied davon singen.

So alt wie die Menschheit

Sanktionen, Embargos und Kapitalverkehrskontrollen betreffen meist nur einzelne Länder und werden in der Regel vorübergehend und aus politischen Gründen verhängt. Man darf sie wohl als notwendiges Übel betrachten. Doch was ist mit den ständigen Handelshemmnissen? Warum gibt es sie, und warum werden sie nicht abgeschafft?

Zum Verständnis hilft ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte. Zölle zum Beispiel gibt es schon seit vorchristlicher Zeit. Das Wort „Zoll“ leitet sich vom griechischen Begriff „telos“ ab, der für „Ende“ oder auch „Grenze“ stand. Über das lateinische Wort „teloneum“ („Zollstation“) entstanden die Bezeichnungen „toll“ im Englischen und „Zoll“ im Deutschen. Im Römischen Reich waren überall, wo Menschen und Waren Engpässe überwinden mussten, Zolleinnehmer postiert. Neben Ein- und Ausfuhrzöllen erhoben sie auch Markt-, Transit- und Passierzölle. Das Römische Reich zerfiel zwar, die Zölle aber blieben. In Westeuropa etwa übernahm Frankenkönig Chlodwig I. die römische Zollverwaltung.

Auch in den alten Hochkulturen der Ägypter oder Chinesen hielt man beim Warenverkehr die Hand auf. Sind allerdings zu viele Hände im Spiel, stockt der Handel. Als die Kleinstaaterei im Mittelalter in Europa zunahm, wurden auf dem Landweg transportierte Waren durch die vielfältigen Zolltarife mitunter so teuer, dass sich der Handel kaum noch lohnte. Auch die in jener Zeit verbreiteten Zünfte und Gilden trugen durch Monopolschaffung und Konkurrenzausschluss nicht zum freien Warenaustausch und Wettbewerb bei.

Auf hoher See jedoch gibt es keine Grenzen. Städtebünde wie die Hanse­ konnten deshalb ein einheitliches Zollsystem aufbauen und den Handel auf der Ost- und Nordsee zum Blühen bringen. Im Mittelmeerraum stieg Venedig zur Großmacht auf, weil die Lagunenstadt günstige Handelsverträge aushandelte, die ihr fast ein Monopol im Handel zwischen Orient und Okzident eintrugen. Als der Welthandel sich nach der Entdeckung Amerikas auf die atlantischen Routen verlagerte, sank der Stern Venedigs. Der globale Warenverkehr wurde fortan von den Kolonialmächten Spanien, Frankreich und England kontrolliert. Das 19. Jahrhundert avancierte mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten zum „amerikanischen“ Jahrhundert. Heute schaut die Welt vor allem nach Asien, wenn es um die Zukunft des globalen Handels geht.

Frei wie ein Vogel Der Freihandel gibt Freiraum für Konkurrenz und komparative Kostenvorteile. Laut Wirtschaftswissenschaftler David Ricardo erhöht er den Wohlstand sowohl der eigenen als auch der fremden Volkswirtschaft.

Die Zeiten ändern sich

Grenzen ändern sich, Theorien auch. Dem Merkantilismus zufolge, der die Wirtschaftspolitik bis ins 18. Jahrhundert hinein prägte, sollten Volkswirtschaften mehr Güter exportieren als importieren. Ausfuhren wurden deshalb oft durch Subventionen gefördert, im Gegenzug behinderten Prohibitivzölle die Einfuhr ausländischer Produkte. Schutz- und „Erziehungszölle“ sollten den Aufbau inländischer Industrien fördern. Speziell der Erziehungszoll wird bis heute gern genutzt, denn die Idee dahinter scheint einleuchtend: Die inländische Produktion einer Branche wird durch Zölle vor ausländischer Konkurrenz geschützt, damit sie sich auf dem Binnenmarkt etablieren kann und nicht durch günstigere ausländische Produkte verdrängt wird. Ist die Branche im Inland gewachsen und international wettbewerbsfähig geworden, könnte der Zoll fallen.

Ob Erziehungszölle ihren Zweck erfüllen, darüber streiten die Experten. Erfolgreiche Beispiele gibt es, man denke an die prosperierende Stahl-, Automobil- und Elektronikbranche in Japan oder Südkorea. Es gibt allerdings auch kapitale Fehlschläge. Brasilien etwa untersagte 1984 den Import von Computern, weil das Land eine eigene Computerindustrie aufbauen wollte. Preisfrage: Kennen Sie einen brasilianischen Computerhersteller? 1992 wurde das Gesetz aufgehoben. Auch der Erziehungszoll, der die US-Autoindustrie zwischen 1981 und 1984 vor ausländischer Konkurrenz schützen sollte, gilt im Nachhinein als Schlag ins Wasser. Eines ist bei allen protektionistischen Maßnahmen zu bedenken: Handeln viele Staaten danach, kann es zu einem Protektionismuswettlauf kommen, der den internationalen Handel hemmt.

Gute alte Sitten Schon zu vorchristlicher Zeit gab es den Zoll, und bisher war er uns ein treuer Freund. Selbst der Fall des Römischen Reichs hat dem Zoll nichts angehabt.

Freihandel versus Protektionismus

Das Gegenteil von Protektionismus ist Freihandel. Theoretisch begründet wurden dessen Vorteile vom britischen Wirtschaftswissenschaftler David Ricardo in seiner 1817 erschienenen Schrift „On the Principles of Political Economy and Taxation“. Darin entwickelte er die Theorie der komparativen Kostenvorteile, derzufolge sich Außenhandel auch für jene Volkswirtschaften lohnt, die gegenüber anderen Staaten bei allen Gütern Kostennachteile haben. Nach Ricardo setzte sich in Wissenschaft und Politik die Überzeugung durch, dass Freihandel den Wohlstand sowohl der eigenen als auch den fremder Volkswirtschaften erhöht.

Speziell nach Kriegen oder Wirtschaftskrisen blühte der Protektionismus aber wieder auf. So beschränkten vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er-Jahre viele Länder den Import von Industrieprodukten, um einen schnelleren Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaft zu erreichen. Auch einige Schwellenländer wie China öffneten ihre Märkte erst langsam der internationalen Konkurrenz. Manche Wissenschaftler glauben, dass ein „gemäßigter“ Protektionismus die grenzüberschreitende Verflechtung der Wirtschaft nicht hemmt, sondern durch die Abfederung sozialer Härten und die Milderung sozialer Konflikte sogar fördert. Seit 1947 wurden Handelshemmnisse im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens weltweit stark abgebaut, ab dem Jahr 1995 übernahm die Welthandelsorganisation diese Aufgabe. Freihandelszonen wie NAFTA in Nordamerika oder Mercosur in Südamerika entstanden, bis heute werden immer neue Abkommen geschlossen. Die nächsten Schritte der „Intergrationspolitik“ sind Zollunion, gemeinsamer Markt, Währungsunion und politischer Zusammenschluss. Die Europäische Union (EU) hat bereits fast alle Phasen dieser Entwicklung durchlaufen, auch wenn der Prozess mitunter ins Stocken gerät. Dennoch ist der Protektionismus nicht tot. Viele Staaten versuchen weiterhin, heimische Branchen vor Wettbewerb zu schützen, die hohen EU-Agrarsubventionen sind ein gutes Beispiel.

Die wohlstandsschaffenden Effekte des Freihandels werden kaum noch infrage gestellt, doch es gibt ethische Grenzen bei der Liberalisierung. Beispiele wären der Handel mit Waffen, Menschen, Organen oder seltenen Tieren. Auch der Abbau von Arbeitsschutznormen ist umstritten, die Bilder brennender Textilfabriken in Bangladesch sind noch in frischer Erinnerung. Globalisierungskritiker bemängeln ohnehin, dass durch internationale Freihandelsabkommen lokale Standards im Sozial- und Arbeitsrecht oder dem Verbraucher- und Umweltschutz unterlaufen werden. Außerdem machen sie den Freihandel für die Vernichtung natürlicher Ressourcen verantwortlich, etwa wenn Regenwälder abgeholzt und als Tropenholz exportiert werden.

Es gibt also viel Pro und Contra, wenn es um den Abbau von Grenzen für die Wirtschaft geht. Die Wahrheit dürfte, wie so oft, zwischen den Extremen liegen. Der Nutzen für die Menschheit wäre wohl am größten, wenn Handels- und Wirtschaftsgrenzen mit einer guten Portion Augenmaß abgebaut würden.

Illustrationen: Michael Kirkham